Perserreich: Die erste Weltmacht

Perserreich: Die erste Weltmacht
Perserreich: Die erste Weltmacht
 
Am dritten Tag des Monats Arahsamna in seinem siebzehnten Regierungsjahr ist Kyros II., den die Griechen dann den Großen nannten, der König der Perser, unter dem Jubel der Bevölkerung als Sieger über Nabonid, den Herrscher des Neubabylonischen Reiches, in die Residenzstadt Babylon eingezogen. Auch wenn die Stadt schon siebzehn Tage vorher (am 12. Oktober) in die Hand der anrückenden Perserstreitmacht gefallen war, so ist doch dieser Tag, der 29. Oktober 539 v. Chr., das symbolische Datum für den Untergang des Neubabylonischen Reiches. Damit waren Mesopotamien und das »Land jenseits des Flusses«, wie die Gegenden zwischen Euphrat und Mittelmeer bis an die ägyptische Grenze aus mesopotamischer Sicht genannt wurden, Teil jenes Großreiches geworden, das Kyros II. binnen eines Jahrzehnts errichtet hatte und das nun vom Mittelmeer bis zum Oxus (Amudarja) und vom Bosporus bis zum Persischen Golf reichte. Ein solches Reich hatte es zuvor noch nie gegeben, und man durfte es mit Recht ein Weltreich nennen, da es doch alle früheren kulturmächtigen Staaten des Alten Vorderasien in sich einschloss und damit alle vorher existierenden Reiche an Größe weit übertraf.
 
Erst wenige Jahre zuvor, im Herbst und Winter 547/546, hatte Kyros den Westen Kleinasiens jenseits des Halys (Kɪzɪlɪrmak) erobert, als er siegreich geblieben war über Krösus, den sagenhaft reichen König des Lyderreiches, und dann auch über Karer, Lykier und Griechen. Der griechische Geschichtsschreiber Herodot schildert in seinen »Historien« (1,53—85) den Untergang des Lyderreiches. Durch die Angliederung des Mederreiches grenzte das Perserreich im Nordwesten an den Halys, den Grenzfluss zu Lydien. Krösus, der fast ganz Kleinasien westlich dieses Flusses beherrschte, war von der Antwort des delphischen Orakels, »wenn er über den Halys gehe, werde er ein großes Reich zerstören« (Aristoteles, Rhetorik 3,5), ermutigt und rüstete zu einem Eroberungszug gegen das zu Kyros' Reich gehörende Kappadokien. Er überschritt den Halys. Nach einer ersten schweren, aber ohne Entscheidung gebliebenen Schlacht zogen sich beide Heere zurück, da die Jahreszeit schon weit fortgeschritten war und man seinerzeit nur einjährige Sommerfeldzüge zu führen pflegte. Kyros überlegte es sich dann aber anders, verfolgte Krösus und konnte schließlich dessen Hauptstadt, das belagerte Sardes, stürmen. So hatte Krösus sein eigenes großes Reich zerstört.
 
Aber begonnen hat der Aufstieg des Perserkönigs Kyros II., aus dem Geschlecht der Achämeniden, schon im Jahr 550 v. Chr.: Da ist es ihm, der seit 559 über die Stämme des Perservolkes herrschte, nämlich gelungen, die Oberherrschaft des Mederkönigs Astyages, nach Herodot seines Großvaters mütterlicherseits, abzuschütteln und sich selbst zum Herrn über das von diesem beherrschte große Medische Reich aufzuschwingen. Wie sich dieser Machtwechsel vollzog, wissen wir nicht. Durch Kyros jedenfalls wurden die Perser zu den politischen Erben der Meder. Und Kyros ist der erste Perserkönig, der in voller Unabhängigkeit souverän herrschen konnte.
 
Die Meder — Ein Volk im Schatten der Geschichte
 
Das Volk der Meder ist, ähnlich wie das der stammesverwandten Perser — beide gehören zu der großen, weit verzweigten Völkerfamilie der Iranier —, im 9. Jahrhundert v. Chr. in die durch schriftliche Quellen beleuchtete Geschichte eingetreten: In assyrischen Nachrichten jener Zeit, zuerst in den Annalen des Königs Salmanassar III. für das Jahr 836 v. Chr., werden neben den Persern, die damals nicht allzu weit vom Urmiasee entfernt ansässig waren, auch medische Stämme genannt. Der assyrische König zog gegen die Krieger dieser Stämme zu Felde. Da eine Vielzahl von Anführern genannt wird, haben diese offenbar, auch wenn sie »Könige« heißen, nur kleinere Kontingente befehligt. Allenfalls werden diese Gruppen wohl einen lockeren Stammesverbund gebildet haben.
 
Über die Schicksale der Meder in den folgenden Jahrhunderten schweigen die Quellen zwar nicht völlig, aber die archäologischen sind oft recht unsicher, und die Textüberlieferung ist nicht sehr ergiebig: Assyrische und babylonische Texte bezeugen praktisch nur die Anwesenheit der Meder im Norden des Zagrosgebirges, und das einzige literarische Zeugnis für das Mederreich, auf das man sich berufen kann, ist Herodot (vor allem 1, 95—107).
 
Die Meder mussten jedenfalls zum Teil und zeitweise die Oberherrschaft der Assyrer anerkennen und bildeten erst später, wenn man Herodot Glauben schenken darf, einen eigenen Staat: Danach ist es einem gewissen Deiokes in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts gelungen, die Macht über die Meder an sich zu reißen, die zuvor in zahlreichen kleinen separaten und selbstständigen Verbänden gelebt hatten. Deiokes gilt mit dieser Tat als Begründer der medischen Königsdynastie. Er soll auch Ekbatana, das vom heutigen Hamadan überbaut ist, zu einer starken Festung und zum Zentrum seines Reiches ausgebaut haben.
 
Deiokes' Sohn und Nachfolger Phraortes unterwarf die Perser und führte Attacken gegen die Assyrer. Doch sein Versuch, die Abhängigkeit von diesen zu überwinden, scheiterte, und er selbst fiel um 625 v. Chr. in Assyrien. Inzwischen war aus dem Norden eine neue Gefahr erstanden, als die wilden Reiternomadenstämme der Skythen und Kimmerier in das Iranische Hochland einfielen. Kyaxares, Phraortes' Sohn und Nachfolger, konnte die Skythen endlich abschütteln und wieder Handlungsfreiheit und Unabhängigkeit gewinnen; auch die Perser hatten unter ihren Königen Kyros I. und Kambyses I. die Suprematie des Mederkönigs Kyaxares anzuerkennen. Kyaxares besiegte dann auch die Assyrer, gegen die er wiederholt zu Felde zog, um den Tod seines Vaters zu rächen: Im Jahr 614 eroberten die Meder Assur, zwei Jahre später Ninive, und so fiel das Assyrische Reich beim vereinten Ansturm von Medern und Babyloniern endgültig zusammen. Zuletzt gelang es Kyaxares 585 v. Chr. kurz vor seinem Tod schließlich auch, das Reich Urartu, das seit der Mitte des 9. Jahrhunderts im Armenischen Hochland bestanden hatte, samt seiner Hauptstadt Tuschpa am Vansee zu erobern, wodurch der Halys die Westgrenze des Mederreiches nach Lydien hin wurde. Für die Zeit des letzten Mederkönigs Astyages ist an geschichtlichen Ereignissen nichts Bemerkenswertes zu notieren. Er hat die Beziehungen zu den persischen Vasallen durch verwandtschaftliche Bande besiegelt, als er seine Tochter Mandane dem Perserkönig Kambyses I. zur Frau gab. Aus dieser Verbindung stammte dann der spätere Perserkönig Kyros II., an den er 550 v. Chr. sein Reich verlor.
 
Vom Tod Kyros'II. bis zur Ermordung Dareios'III. (530—330 v. Chr.)
 
Dem Reichsgründer Kyros II., der wohl im August 530 v. Chr. auf einem Feldzug gegen die Saken in Mittelasien irgendwo zwischen Oxus und Iaxartes (Syrdarja) gefallen ist, folgte sein Sohn Kambyses II., der den Herrschaftsbereich nach Südwesten hin ausdehnen konnte; Kambyses eroberte Ägypten 525 v. Chr., nachdem er bei Pelusium den Pharao Psammetich III. samt seinen Söldnern besiegt hatte, dazu dann Libyen und Nubien als Sicherheitsstreifen. Während seiner Abwesenheit erhob sich 522 ein medischer Magier namens Gaumata, der sich für Kambyses' Bruder Smerdis ausgab, den dieser als potenziellen Rivalen vor seinem Aufbruch nach Ägypten beseitigt hatte. Als er von dem Thronraub durch den Magier erfuhr, eilte Kambyses sofort zurück. Unterwegs zog sich der Perserkönig allerdings eine Wunde zu, an der er starb; Herodot erzählt, dass beim Aufsitzen auf sein Pferd sein blankes Schwert in seinen Schenkel gedrungen sei.
 
Dem aus einer Nebenlinie der Achämeniden stammenden Dareios, der in der Leibwache des Kambyses gedient hat, aber keinen besonderen Rang bekleidet zu haben scheint, gelang es zusammen mit sechs Gleichgesinnten, Gaumata am 29. September 522 v. Chr. zu beseitigen. Weitere Aufstände konnte Dareios I., wie er in der Inschrift neben dem Relief am Felsen von Bisutun ausführlich schildert, im Laufe des folgenden Jahres niederwerfen, sodass Kyros' Reich erhalten blieb.
 
Für den Bestand dieses Vielvölkerstaates, der unter Dareios I. den Höhepunkt seiner Macht erlebte, war von größter Bedeutung die von Dareios neu geordnete und straff organisierte, zentralistische Reichsverwaltung, in die wir durch Tausende elamischer Buchungstäfelchen, die in Persepolis ausgegraben wurden, einigen Einblick gewinnen. Mit seiner Expansionspolitik hat Dareios zunächst ebenso Erfolg gehabt wie seine beiden Vorgänger, als es ihm gelang, »Indien«, das Land entlang des Indus, und Sogdien zu unterwerfen und auf europäischem Boden in Thrakien und Makedonien Fuß zu fassen. Ein neuer Aspekt in Dareios' Politik war der, dass sie ganz unverkennbar auch maritim orientiert war: Er ließ den Seeweg von der Indusmündung längs des Persischen Golfes erkunden und ebenso den Seeweg rund um die Arabische Halbinsel bis ins Rote Meer, und er brachte das alte ägyptische Projekt eines Kanals vom Roten Meer zum Nil, das schon der Pharao Necho II. um 600 v. Chr. verfolgt hatte, zu einem erfolgreichen Abschluss. Auf einer der Inschriftstelen, die an diesem Kanal aufgestellt wurden, rühmt der Perserkönig, dass »dieser Kanal gegraben wurde, so wie ich es befohlen habe, und Schiffe von Ägypten durch diesen Kanal nach Persien fuhren, so wie es mein Wunsch war«.
 
Mit den Eroberungen unter Dareios I. hatte das Perserreich seine größte Ausdehnung erreicht. Doch als er dann Griechenland angriff — die in ursächlichem Zusammenhang mit dem Ionischen Aufstand von 494 v. Chr. stehenden Perserkriege werden an anderem Ort dargestellt —, stieß er erstmals an seine Grenzen und scheiterte 490 bei Marathon. Auch der erneute Versuch seines Sohnes und Nachfolgers Xerxes I. zehn Jahre später, eine Invasion in Griechenland zu wagen, misslang: Seine Flotte wurde 480 bei Salamis, das Landheer im Jahr danach bei Plataiai entscheidend geschlagen.
 
Mit Artaxerxes I., unter dem es 449 v. Chr. im Kalliasfrieden mit Athen zu einer Abgrenzung der Interessensphären kam, setzte der allmähliche, sich über mehr als hundert Jahre hinziehende Niedergang des Reiches ein: Brudermord, Verschwörungen sowie Komplotte von Dienern und Höflingen, Haremsintrigen und Palastrevolutionen, familieninterne Rivalitäten, insbesondere jedoch mehrfache Aufstände, vor allem in Ägypten und Kleinasien, führten zu einer Schwächung der Zentralgewalt und einem inneren Verfall des Reiches, die schließlich immer rascher voranschritten. Eine Reihe ohnmächtiger Könige vermochte den Herrschaftsanspruch, der erhoben wurde, einfach nicht überall durchzusetzen; es gehörte fast zur Tagesordnung, dass Gift- oder sonstige Mordanschläge die Thronfolge regelten. Unter dem Ansturm Alexanders des Großen und der Makedonen brach das Reich endlich zur Zeit Dareios'III. (336/335—330 v. Chr.) wie ein tönerner Koloss zusammen. Als Dareios III., der weder bei Issos (Herbst 333) — man erinnert sich aus der Schulzeit an den alten Merkspruch »drei, drei, drei, bei Issos Keilerei« — noch bei Gaugamela (Herbst 331) dem Makedonenheer Paroli bieten konnte, in den Nordosten seines Reiches floh, den Alexander noch nicht erobert hatte, ist er ermordet worden. Damit fielen die Herrschaft der Achämeniden und das Perserreich endgültig zusammen, und ein noch größeres Reich, das die Landmasse von der Adria bis zum Indus umfasste, trat dessen Erbe an. Allerdings währte das Reich Alexanders nur wenige Jahre.
 
Aus der Sicht der weltgeschichtlichen Gesamtentwicklung ist der herausragende Aspekt wohl der, dass die Achämeniden zum ersten Mal ein Modell gefunden haben für die zentralistische Beherrschung einer Vielzahl der unterschiedlichsten Völker, zum Nutzen und Vorteil aller.
 
Das Geschlecht der Achämeniden: Wie war Dareios mit Kyros verwandt?
 
An der Spitze des Reiches standen Könige, die aus dem Geschlecht der Achämeniden stammten, die ihren Namen nach dem Stammvater Achämenes trugen. Über diesen gibt es zwar keine historischen Nachrichten, aber es scheint einigermaßen plausibel, dass unter seiner Führung — er soll bis etwa 675 v. Chr. geherrscht haben — die Südwanderung der Perser aus der Gegend um den Urmiasee dorthin stattgefunden hat, wo wir sie in geschichtlicher Zeit antreffen, in dem Raum um Pasargadai, Persepolis und Schiras. Dort haben sie in der Nachbarschaft der Elamer einen kleinen Staat gegründet, der schon in der Regierungszeit des Königs Teispes (Mitte des 7. Jahrhunderts) offenbar nach Elam hin erweitert werden konnte. Teispes hat nämlich als erster persischer Herrscher den Titel »König der Stadt Anschan« getragen, was darauf hindeutet, dass das vorher zu Elam gehörende Anschan, das beim heutigen Tell-e Malyan lokalisiert wird, jetzt mit der Persis verbunden bzw. Teil der Persis geworden war.
 
Die Abstammung von diesem legendären Ahnherrn Achämenes berichten Dareios I. in der Bisutun-Inschrift, der »Königin aller Keilinschriften«, und die griechische Tradition seit Herodot übereinstimmend. Dareios führt gleich zu Beginn dieser Inschrift nach seiner Selbstvorstellung seinen Stammbaum bis auf Achämenes zurück und folgert daraus, dass die Angehörigen seines Geschlechts aus diesem Grunde Achämeniden hießen: »Mein Vater (ist) Hystaspes, des Hystaspes Vater (ist) Arsames, des Arsames Vater (war) Ariaramnes, des Ariaramnes Vater (war) Teispes, des Teispes Vater (war) Achämenes.. .. Deshalb werden wir Achämeniden genannt« (Spalte I, Zeile 4—7). In nicht genau entsprechender Weise bezeichnet Herodot (7,11,2) Xerxes als »Nachkommen des Dareios, (des Sohnes) des Hystaspes, (des Sohnes) des Arsames, (des Sohnes) des Ariaramnes, (des Sohnes) des Teispes, (des Sohnes) des Kyros, (des Sohnes) des Kambyses, (des Sohnes) des Teispes, (des Sohnes) des Achämenes«. Die Reihe Dareios — Hystaspes — Arsames — Ariaramnes — Teispes — Achämenes erscheint bei Herodot also gewissermaßen »gestreckt« durch eine Folge Teispes — Kyros — Kambyses — Teispes.
 
Darüber hinaus stehen uns aber für die ältere Zeit noch zwei akkadische Texte zur Verfügung, die das Bild ergänzen und abrunden: Der berühmte babylonische Kyroszylinder enthält ebenfalls eine ausführliche Selbstvorstellung des Königs, die aber der uralten Tradition babylonischer Königsinschriften folgt; in ihr wird die Ahnenreihe des Kyros durch die Namen Kambyses — Kyros — Teispes bezeichnet. Diese Aussagen lassen sich mit den beiden zuvor angeführten Zeugnissen harmonisieren, wenn man zu zwei Annahmen bereit ist: Zum einen muss man voraussetzen, dass der von Dareios als vierter Vorfahr genannte »Teispes, Vater des Ariaramnes«, und der von Kyros(II.) als dritter Ahn genannte »Teispes, Vater des Kyros(I.)«, ein und dieselbe Person und folglich Ariaramnes und Kyros I. Brüder sind. Die zweite Annahme geht dahin, dass der herodotische Stammbaum, der ja von vornherein nur geringere Authentizität beanspruchen darf, gewissermaßen durch eine Addierung der eigentlich auf zwei Linien zu verteilenden Reihen und durch gleichzeitige Verkürzung um einen doppelt auftretenden Namen zustande gekommen ist.
 
Noch älter ist schließlich ein in Babylon gefundenes Fragment einer Inschrift des assyrischen Königs Assurbanipal aus dem Jahr 639 v. Chr., der dort seinen entscheidenden Sieg über Elam und die Reaktionen der Nachbarn hierauf schildert. Dabei wird »Kyros, König von Persien« genannt, der seinen ältesten Sohn (namens Arukku) zum Zeichen der Unterwerfung nach Ninive geschickt hat. Dieser Kyros muss der auf dem Kyroszylinder genannte Großvater des »großen« Kyros, also Kyros'II., sein, sodass sich hier ein für die Erstellung des Stammbaums wichtiger chronologischer Fixpunkt ergibt, da dieser Kyros I. jedenfalls 639 v. Chr. in Persien regiert hat.
 
Eine für die frühe Geschichte der Achämeniden höchst bedeutsame Information bietet im Übrigen auch Dareios I. mit seiner inschriftlichen Feststellung: »Acht aus meinem Geschlecht (gibt es), die vordem Könige waren; ich (bin) der neunte« (Bisutun, Spalte I, Zeile 9f.). Sein Vater Hystaspes ist nun sicher nicht König gewesen, da dessen Vater Arsames bei Dareios' Thronbesteigung noch gelebt hat. Andererseits muss Arsames bei den genannten »acht Königen« gewiss mitgerechnet werden, da man sonst diese Zahl nicht erreicht. Um dieses Dilemma zu beseitigen, rechnet man gewöhnlich damit, dass die Herrschaftsbereiche der beiden Linien, die bestanden, seit nach Teispes' Tod dessen Reich unter Kyros I. und Ariaramnes aufgeteilt worden war, von Kyros II. wieder vereinigt worden sind. Dabei wird Arsames abgesetzt und wohl mit irgendeinem höheren Staatsamt abgefunden worden sein. Für diese Wiedervereinigung ist weder der Zeitpunkt noch sonst Näheres bekannt; nachweisbar ist sie jedenfalls erst unter Kyros II., der in ein und demselben Text, der babylonischen Nabonidchronik, sowohl »König von Anschan« als auch »König von Persien« heißt.
 
Die Achämeniden erwähnt Herodot (1, 125, 3—4) auch bei einer Aufzählung der persischen Stämme. Darunter seien die Pasargaden die tüchtigsten, und zu diesen gehörte auch die Sippe der Achämeniden, aus der die Könige stammen. Der Stammessitz der Pasargaden lässt sich aufgrund des Namens in der Gegend von Pasargadai und Persepolis, also im Herz der Persis, vermuten. Untermauert wird diese Annahme dadurch, dass neben den alten, von den Persern eroberten Hauptstädten Babylon, Susa und Ekbatana auch Persepolis mit seiner großartigen Palastanlage eines der Reichszentren gewesen ist. Und wir werden darin weiter bestärkt durch den griechischen Geographen Strabon (15, 3, 3), der bei der Beschreibung der Persis auch bemerkt, dass die Perserkönige ihre Schatzkammer und ihre Grabmäler dort, in Persepolis bzw. dessen Nähe, gehabt haben, da »diese Plätze weniger leicht zugänglich und zugleich ihre Stammsitze gewesen sind«.
 
Die Quellen für die Geschichte des Perserreiches
 
Die bisherige Darstellung hat wohl schon recht deutlich gemacht, dass die Quellenlage es nicht immer gestattet, die Dinge in der gewünschten Klarheit zu sehen, obwohl insgesamt eine beträchtliche Zahl weit gestreuter Quellen zur Verfügung steht, insbesondere die Berichte antiker Autoren und die Erzählungen verschiedener Bücher des Alten Testaments, aber auch authentische Quellen aus den Zentren des Reiches selbst mit den meist dreisprachigen Königsinschriften an der Spitze.
 
Diese Inschriften verwenden das Altpersische, offenbar die Muttersprache der Achämeniden, das Elamische als die alte Kultursprache der von diesen zuerst hinzueroberten Gebiete und als Drittes das Babylonische. Damit knüpfen die Achämeniden als die legitimen Nachfolger der babylonischen und assyrischen Könige auch in der Epigraphik an alte mesopotamische Traditionen an. Die älteste und zugleich auch die größte altpersische Inschrift ist die von Bisutun, für die die eigene altpersische Keilschrift erstmals verwendet worden ist. Die Entstehungsgeschichte des Monuments von Bisutun hat unumstößliche Gewissheit darüber geschaffen, dass die ursprüngliche Planung nur Beschriftungen auf Elamisch vorgesehen und das Altpersische außer Betracht gelassen hatte. Auch in einer ersten Erweiterung wurde dann zwar das Babylonische berücksichtigt, aber noch immer nicht das Altpersische. Plausibel zu interpretieren ist dies nur so, dass man es bis dahin eben noch nicht gewohnt war, diese altpersische Sprache, obwohl sie doch die Muttersprache der Könige war, zu schreiben. Und für eine dann recht übereilte Einführung der Schrift — infolge der sich überstürzenden Ereignisse nach der Usurpation des Gaumata — sprechen die Aufgabe des anfänglich befolgten Konzepts und einige strukturelle Schwächen des Schriftsystems selbst, die zeigen, dass man vor lauter Konzentration auf das Schreibenkönnen die eindeutige Lesbarkeit des Geschriebenen vollständig vernachlässigt hat. Diese dreisprachigen Inschriften sind auf die Sphäre des Königs beschränkt, und wie die altpersische Keilschrift dient das Altpersische, wie es uns in seiner stilisierten Form in den Königsinschriften entgegentritt, nur dem Prestige des Königs und seiner Repräsentation und ist damit die »Sprache des achämenidischen Königtums«. Historische Bedeutung und Aussagekraft kommt aber bloß einigen Texten von Dareios I. und Xerxes I. zu, da von Artaxerxes I. an nicht nur die Zahl der Texte abnimmt, sondern diese auch fast nur noch aus Formeln bestehen, die einfach weitergeschleppt und oft nicht mehr voll verstanden wurden.
 
Das bedeutsamste Textzeugnis überhaupt ist die Dareios-Inschrift von Bisutun an der alten Karawanenstraße, die von Mesopotamien über den Zagros nach Hamadan führt. Die Inschrift ist hoch oben an einer Felswand, für niemanden lesbar, neben einem großen Triumphrelief eingemeißelt und enthält allein 414 Zeilen altpersischen Textes. Hervorzuheben sind ferner die beiden größeren bereits zu Lebzeiten des Königs angebrachten Inschriften an der Front des Felsgrabes Dareios'I. in Naksch-e Rostam bei Persepolis, deren untere wohl eine Art Fürstenspiegel darstellt, der die Charaktereigenschaften und Grundsätze eines »idealen« Herrschers zusammenfasst: Es ist klar, dass Dareios sich selbst so eingeschätzt hat. Unter den Bauinschriften ist die ausführliche Schilderung des Palastbaus in Susa mit Abstand das interessanteste und kulturgeschichtlich aufschlussreichste Dokument, das die »arbeitsteilige« Mitwirkung sämtlicher Reichsvölker an einer so gigantischen Aufgabe bezeugt. Der bemerkenswerteste Xerxestext ist eine persepolitanische Inschrift, die den Kampf des Königs gegen den Kult fremder sowie der alten, vorzarathustrischen Götter zum Gegenstand hat, die als »Götzen« (altpersisch »daiva«) verteufelt werden. Auf welche Götter dies aber im Einzelnen gemünzt ist, lässt sich nicht sagen.
 
Unter den elamischen Quellen aus achämenidischer Zeit sind neben den elamischen Versionen der Königsinschriften die Täfelchen aus den Archiven von Susa und Persepolis zu nennen. Den größten Komplex bilden dabei die »Fortification Tablets« vom nordöstlichen Befestigungswall der Persepolisterrasse, von denen bislang nur ein Teil publiziert ist (etwa 2100 Stück) und die in die Jahre 509—494 v. Chr. gehören. Dem Inhalt nach sind es Buchungen über den Ein- und Ausgang von Getreide, Mehl, Öl, Wein, Bier, Obst, Geflügel sowie Klein- und Großvieh, die etwa als Rationen an Arbeiter, als Naturallohnzahlungen oder Reiseproviant ausgegeben wurden. Aus den Jahren 492—458 v. Chr. stammen die Täfelchen aus dem Schatzhaus von Persepolis selbst, die die Ausgabe von Silber und Naturalprodukten insbesondere für die in Persepolis beschäftigten Arbeiter registrieren. Das Elamische hat also bis in die Zeit Artaxerxes'I. in der Wirtschaftsverwaltung als Verwaltungssprache gedient. Demzufolge waren in diesem Bereich Elamer tätig, und die Achämeniden haben hier offenbar eine Tradition weiter gepflegt, die sie einst bei den Elamern kennen gelernt hatten.
 
Von den Texten in babylonischer Sprache kommt der Nabonidchronik, die die Ereignisse der Jahre 556—538 v. Chr., also die Eroberung Babyloniens durch Kyros II. und dessen Handeln nach dem Einzug in die Stadt, detailliert schildert, und dem Kyroszylinder, der wichtige Züge von Kyros' Politik gegenüber den unterworfenen Völkern verdeutlicht, die größte Bedeutung zu. Eine weitere wichtige Quelle stellen daneben Tausende von juristischen Urkunden und Wirtschaftstäfelchen aus Tempel- und Firmenarchiven der großen Städte Babyloniens, aus Babylon, Sippar, Uruk und Nippur, dar, die ähnlich den elamischen Texten eine große Fülle von Einzelangaben und zahlreiche Eigennamen enthalten.
 
Das Aramäische, das schon unter den Assyrern als internationales Kommunikationsmittel gedient hat, war die eigentliche, offizielle Verwaltungssprache des Perserreiches. Dies kommt darin zum Ausdruck, dass sich das Verbreitungsgebiet aramäischer Texte praktisch über das gesamte Reich erstreckt, von Persepolis bis nach Sardes und nach Oberägypten, aber auch nach Mittelasien. Zahllose Papyri, Stein- und Vaseninschriften, Münz- und Siegellegenden bezeugen die besondere achämenidenzeitliche Sprachform, das Reichsaramäische. Ausgrabungen in Persepolis erbrachten auch hier reiche Funde, neben Siegelabdrücken und Beischriften auf Tontäfelchen vor allem etwa 200 Mörser, Schüsseln und Tabletts aus grünem Stein aus der Zeit Xerxes'I. und seines Nachfolgers.
 
Aus Kleinasien sind aramäische Inschriften bekannt, denen lydische, lykische oder griechische Versionen zur Seite stehen und denen sich deutliche Hinweise auf die räumliche Erstreckung des Gebrauchs der verschiedenen Sprachen entnehmen lassen. Im Wüstensand Ägyptens und Palästinas haben sich an vielen Stellen Papyri mit Vertragstexten, Briefen und sonstigen Dokumenten gefunden. Besondere Hervorhebung verdienen darunter aber Fragmente einer späteren Kopie der aramäischen Übersetzung der Bisutun-Inschrift, die Dareios' Worte bestätigen (Spalte IV, Zeile 91f.), dass er »diese Inschrift überallhin in die Länder« seines Reiches ausgesandt habe.
 
Für das achämenidenzeitliche Ägypten — die »erste Perserherrschaft« von 525 bis 404 v. Chr. wird als 27. Dynastie gezählt — stehen Dutzende von Texten in hieroglyphischer Schrift und der Alltagsschrift der Ägypter, der demotischen Schrift, zur Verfügung: Hierzu zählen die Hieroglyphentexte auf den Stelen von Schaluf und Tell el-Maschutah an dem von Dareios fertig gestellten Nechokanal und ein Erlass des Dareios über die Kodifizierung des ägyptischen Rechts, das weiterhin in Kraft blieb. Dazu kommt als längster Hieroglyphentext aus der Perserzeit die Inschrift des Udja-horresnet, eines hohen Würdenträgers der Pharaonen Amasis und Psammetich III., der dann, sozusagen als Überläufer oder Kollaborateur, in den Diensten der persischen Großkönige Kambyses und Dareios stand, in deren Auftrag er die Ausbildung qualifizierter Ärzte in Ägypten organisierte.
 
Aus dem Alten Testament sind jene Bücher relevant, die die Achämenidenzeit betreffen. Das ist die Zeit, in der das Babylonische Exil der Juden zu Ende ging, denn Kyros II. gestattete diesen nach der Eroberung Babyloniens die Rückkehr. In dem Buch Jesaja (Kapitel40—55) wird die Erlösung Israels durch Kyros prophezeit. In dem teilweise autobiographischen Buch Esra wird gleich eingangs der Erlass Kyros'II. über die Erlaubnis zur Rückkehr der Juden und zum Wiederaufbau des Tempels wörtlich zitiert; es schließt sich der Bericht über die Heimkehr, den Tempelbau und überhaupt die Lage der Juden bis in die Zeit Artaxerxes'I. an, der dann Esra als Bevollmächtigten nach Jerusalem gesandt hat. Für die Frage der Authentizität ist einiges Gewicht darauf zu legen, dass Teile dieses Buches wie auch des Buches Daniel anders als die große Masse des Alten Testaments in aramäischer Sprache und nicht auf Hebräisch geschrieben sind. Das Buch Nehemia knüpft inhaltlich an das Buch Esra an, während das erst in hellenistischer Zeit entstandene Buch des Propheten Daniel offenbar auf Quellen fußt, die manches durcheinander gebracht haben. Damit ist es historisch ebenso wenig verwertbar wie der in Susa spielende Roman über Xerxes' Frau Esther in dem alttestamentlichen Buch gleichen Namens.
 
Obwohl der Zustrom orientalischer Quellen für die Geschichte des Perserreiches unablässig weiterfließt, bleibt vor allem für die diplomatisch-politische Geschichte und die Perserkriege nach wie vor die antike, speziell griechische Überlieferung dominierend, auch wenn antipersische Tendenzen gelegentlich den Quellenwert dieser Berichte trüben. Die Hauptquelle für die Zeit bis 479/478 v. Chr. und der verlässlichste Zeuge zugleich ist Herodot mit seinen »Historien«. Aus eigener Kenntnis des Perserreiches »von innen« konnte Ktesias aus Knidos schöpfen, der jahrelang Leibarzt Artaxerxes'II. gewesen ist und 23 Bücher »Persika« geschrieben hat, die aber nur durch Zitate sowie längere Paraphrasen und Exzerpte bekannt sind. Außer dieser verwickelten Überlieferungslage ist allerdings in Rechnung zu stellen, dass Ktesias wider Erwarten kein besonders zuverlässiger Chronist, sondern eher ein orientalischer Märchenerzähler ist, der sich mehr von Effekthascherei als von Wahrheitsliebe leiten ließ. Während die Perser bei Thukydides nur eine Rolle am Rand spielen, berichtet Xenophon ausführlich über Persien, Perser und persische Verhältnisse, insbesondere in der »Anabasis«, wo er sich als Teilnehmer des Zuges Kyros'des Jüngeren und der Zehntausend Griechen in gewissem Sinn auf Autopsie stützen konnte, und in der »Kyrupädie«, die allerdings häufig Zeitgenössisches, Fakten und Namen, um anderthalb Jahrhunderte zurückprojiziert. Spätere Autoren vom Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. an können nicht aus eigenem Erleben über das Achämenidenreich schreiben, sondern fußen nur auf älteren Quellen und sind demzufolge bloß als indirekte Zeugen zu werten.
 
Was die Zuverlässigkeit dieser griechischen Quellen angeht, so ist gerade die Herodots an vielen verblüffend genauen Einzelheiten deutlich zu belegen. Dies beginnt schon bei den Namen, die dort, wo wir sie mit den authentisch überlieferten iranischen Originalformen vergleichen können, insgesamt recht getreu wiedergegeben werden. Anders liegen die Dinge zumindest teilweise dort, wo Herodot über Inschriften des Dareios berichtet und solche »zitiert«. Hier ist größtes Misstrauen gegenüber dem »Vater der Geschichte« durchaus angebracht.
 
Dass wir die meiste Information über die Geschichte des Perserreiches aus griechischen Quellen beziehen, ist nicht gleichzusetzen mit dem Fehlen einer persischen Geschichtsschreibung: Die Existenz von Königschroniken bei den Persern steht außer Zweifel durch entsprechende Hinweise im Buch Esra (4, 15) und von Ktesias (bei Diodor 2, 32, 4). Diese Chroniken müssen aber schon sehr bald verloren gegangen sein, da nicht erst den frühen Sassaniden im 3. Jahrhundert n. Chr. jegliche Kenntnis über die Achämenidenzeit fehlt.
 
Die Sprachverhältnisse im Perserreich: Ein babylonisches Sprachengewirr?
 
Der Überblick über die Quellen, die für die Geschichte des Perserreiches zur Verfügung stehen, hat bereits verdeutlicht, mit wie vielen Sprachen der Betrachter konfrontiert wird. Das Achämenidenreich ist nämlich ein Vielvölker- und Vielsprachenstaat gewesen, so wie die k. u. k. Habsburgermonarchie von vor 1918 etwa. Dass die vielen Völker dieses Reiches der Herrschaft der Perser unterworfen waren, bedeutet allerdings nicht, dass das Altpersische über dieses ganze Riesenreich hin verbreitet worden ist. Das Altpersische, so wie es uns in den Königsinschriften entgegentritt, ist nämlich in dieser Form nirgends gesprochen worden; es ist eine stilisierte »Kunstsprache« und nur die »Sprache des achämenidischen Königtums«.
 
Die Kanzleisprache der Reichsverwaltung war dagegen das Aramäische, das schon in neuassyrischer Zeit weite Verbreitung gefunden hatte. Bei den Achämeniden spielte es eine führende Rolle im interregionalen Schriftverkehr und in der regionalen Verwaltung der einzelnen Reichsländer. Es bewährte sich dabei als bequemes Werkzeug dafür, die zahlreichen Sprachgrenzen innerhalb des Reiches zu überwinden und den Verkehr zwischen den Reichsvölkern zu erleichtern. Und durch das Aramäische konnte dieses Reich zugleich wie mit einer Klammer zusammengehalten werden, ohne dass die verschiedenen Sprachen der einzelnen Völker selbst in irgendeiner Weise beeinträchtigt worden wären.
 
Neben dem Aramäischen sind auch andere Sprachen in »offiziellen« Texten verwendet worden, aber in begrenztem Umfang und in jeweils regionaler Beschränkung, und zwar primär dort, wo sich das Aramäische nicht schon in vorachämenidischer Zeit hatte festsetzen können. Solche lokal oder regional bedeutsame, nur in Teilgebieten des Reiches offiziell verwendete Sprachen sind etwa in Kleinasien das Lydische, Lykische und Griechische, ferner das Ägyptische, das Babylonische und das Elamische.
 
Sie treten teils neben dem Aramäischen, teils neben den drei üblichen keilschriftlichen Versionen in Texten auf, die in je unterschiedlicher Weise offiziellen Charakter haben. Deutliche Beispiele sind etwa die Inschriftstelen von Dareios' »Suezkanal«: Die beiderseits beschriebene Stele von Schaluf (heute im Museum von Ismailia) trug auf der einen Seite die drei in altpersischer, babylonischer und elamischer Sprache abgefassten Keilschrifttexte, auf der anderen Seite einen Hieroglyphentext, während in Tell el-Maschutah diese Texte auf zwei nebeneinander stehende, nur einseitig beschriebene Stelen verteilt sind. In jedem Fall ist es so, dass in den Hieroglyphen-Inschriften ein viel ausführlicherer und umfangreicherer Text vorliegt, der im Gesamtumfang dem keilschriftlichen dreisprachigen Text gleichkommt, also mit diesem äquipollent ist. Eine Bestätigung dafür bietet auch die in Susa gefundene, aber in Ägypten geschaffene Dareiosstatue, bei der vier Gewandfalten auf der linken Seite die drei keilschriftlichen Texte und vier Gewandfalten auf der rechten Seite den Hieroglyphentext enthalten, wodurch die symmetrische Anordnung und die Äquipollenz ganz augenfällig werden.
 
Insgesamt hat es unter den zahlreichen Sprachen des Perserreiches große Unterschiede, Gegensätze und natürlich Konkurrenz gegeben. Viele Provinzen des Reiches sind jedoch aufgrund des Fehlens von schriftlichen Zeugnissen nichts als weiße Flecken auf der (Sprachen-)Karte. Wir tun uns deshalb recht schwer damit, genau zu bestimmen, welche Sprache an welchem Ort in welcher Situation zu welchem Zweck verwendet worden ist. Fest steht, dass in einem solchen Vielsprachenstaat wie dem Perserreich für die Verwaltung des Reiches und seiner Provinzen Dolmetscher und Übersetzer unverzichtbar gewesen sein müssen.
 
Das Königtum der Achämeniden
 
Die Königsherrschaft im Perserreich war ganz offensichtlich im Achämenidengeschlecht erblich. Da die Zugehörigkeit zu dieser Sippe demnach einen der wesentlichen Pfeiler des Königtums bildet, nimmt es nicht wunder, dass in kaum einer Titulatur die Angabe »ein Achämenide« fehlt. Gelegentlich wird diese »Legitimation durch das Blut« ergänzt durch den Hinweis, dass der König »Perser, eines Persers Sohn, Arier, von arischer Abstammung« sei. Dies verdeutlicht in besonderer Weise, dass die Perser zur Blütezeit des Reiches unter Dareios I. ein starkes Nationalgefühl besaßen und stolz darauf waren, Arier, das heißt Iraner, und speziell Perser zu sein.
 
Die Thronfolge scheint im Normalfall so geregelt gewesen zu sein, dass der Großkönig selbst den Erben bestimmt hat. Dies liest man aus einer Herodotstelle heraus (7,2,1), die besagt, dass nach persischem Brauch ein König erst ins Feld ziehen durfte, wenn er einen anderen zum König bestimmt hatte. Gewöhnlich war dies sein ältester Sohn, nur ausnahmsweise einmal der erste nach der Thronbesteigung, das heißt der erste »im Purpur« geborene Sohn. Ein solcher Ausnahmefall lag bei Xerxes I. vor: Herodot schildert nämlich im Einzelnen, dass Dareios I. von seiner ersten Frau drei Söhne gehabt habe und aus späterer Ehe mit Atossa, Kyros' Tochter, vier weitere, als ältesten davon Xerxes, und dass er diesen, als er gegen Ägypten und Griechenland ziehen wollte, zum König bestimmt habe. Den realen Kern dieser Geschichte bestätigt Xerxes selbst in einer Inschrift, in der er betont, was er offenbar selbst als anomal empfunden hat: »Dareios hatte (noch) andere Söhne; Ahura Masdas Wunsch war es also: Dareios, mein Vater, hat mich zum Größten nach sich selbst gemacht. (Und) als mein Vater Dareios verstorben ist (so die faktische Bedeutung eines viel diskutierten Ausdrucks), wurde. .. ich König an des Vaters Stelle.« Wenn Xerxes hier sagt, Dareios habe ihn »zum Größten nach sich selbst« gemacht, so ist der Betrachter des bekannten Audienzreliefs von Persepolis geneigt, dies ganz wörtlich zu nehmen: Dieses Relief stellt den sitzenden König nämlich so groß dar wie den hinter ihm stehenden Kronprinzen, der seinerseits die anderen Figuren, höchste Hofbeamte, um Haupteslänge überragt.
 
Unter den griechischen literarischen Quellen, die hier einschlägig sind, ist der Bericht Plutarchs über die von Artaxerxes II. getroffene Erbfolgeregelung die eindeutigste: Als ein Streit unter dessen Söhnen um die Nachfolge ausgebrochen war, hätten verständige Ratgeber den König dazu gedrängt, die Herrschaft, so wie er selbst sie erhalten habe, seinem erstgeborenen Sohn, dem mittlerweile 50-jährigen Dareios, zu überlassen. So geschah es auch — ohne dass es letztlich aber zu dessen Thronfolge gekommen wäre.
 
Die Perserkönige verstanden sich nicht als Götter, und sie waren auch nicht göttlicher Abstammung, wenngleich der griechische Tragiker Aischylos (Perser, 157) nach griechischer Vorstellung anderes suggeriert. Das zweite Fundament ihres Königtums neben der dynastischen Legitimation war aber ihr Gottesgnadentum: Sie waren Könige von Ahura Masdas Gnaden. Nach der Aufzählung seiner Titel und seiner Ahnen und dem dadurch erbrachten Beweis seiner genealogischen Berechtigung fährt Dareios in der Einleitung des Bisutuntextes fort (Spalte I, Zeile 11f.): »Durch den Willen Ahura Masdas bin ich König; mir hat Ahura Masda die Herrschaft verliehen.«
 
Diese Investitur durch Ahura Masda spielt eine so dominierende Rolle, dass die Könige sie ohne Unterlass in verschiedenen Varianten unterstreichen. Am häufigsten liest man die Wendung, dass Ahura Masda, der Himmel und Erde erschaffen hat, Dareios (oder einen Nachfolger) »zum König gemacht hat, den Einen zum König über viele«. Ahura Masda übergab damit die von ihm erschaffene Erde gewissermaßen dem einen von ihm Erwählten als seinem Sachwalter auf Erden. Demzufolge steht der König unter Ahura Masdas Schutz, den er für sich selbst, sein Haus, sein Reich und seine Werke erbittet.
 
Diese beiden Prinzipien von Gottesgnadentum und genealogischer Erbfolge gehören verschiedenen Epochen und Kulturräumen an: Letzteres entstammt jener alten Zeit, als die Perser noch zu den nomadisierenden Stammesverbänden zählten, während das Prinzip des von einem Gott erwählten Herrschers, das als etwas fremdes Neues die altererbten Vorstellungen überlagert hat, von den mesopotamischen Hochkulturen übernommen ist. So verknüpft die achämenidisch-persische Königsideologie also jene zwei Elemente zu einer charakteristischen Neuschöpfung.
 
Diese Vorstellung weist auch darauf hin, dass der Perserkönig nicht als Erster unter Gleichen zu verstehen ist, sondern als absolut souveräner Herrscher. Als oberster Herr und Richter vereinigte der König alle Macht in seiner Person und stand deshalb hoch über allen, auch über dem Gesetz, insofern er handeln konnte, wie es ihm beliebte. Dies berichten Herodot (3, 31, 4) und auch Dareios selbst.
 
Die Zeremonie der Investitur der achämenidischen Könige, die in Pasargadai stattfand, beschreibt Plutarch (Artoxerxes 3, 1—2): Der designierte König hatte seine Gewänder abzulegen und das Gewand anzulegen, das Kyros trug, bevor er König wurde; dann musste er getrocknete Feigen und Pistazien essen und eine Schale saurer Milch trinken. Über königliche Insignien und Ähnliches geben nur die Bilddarstellungen Aufschluss, etwa die Audienzreliefs, auf denen der Thronsessel zu sehen ist. Darauf sitzt der König in sehr steifer Haltung, ein langes Zepter in der Rechten, eine Lotosblüte in der Linken, die aufrecht getragene, purpurne Tiara auf dem Kopf. Andere Darstellungen, etwa die des Bisutunreliefs, zeigen den König mit einer Zackenkrone.
 
Die Thronnamen der Könige: Das Programm als Name
 
Eine besondere Sitte der Perserkönige bestand darin, bei der Thronbesteigung neue Namen, »Thronnamen«, anzunehmen. Diese Sitte war auch sonst im Alten Orient verbreitet; uns ist sie heute am geläufigsten von den Papstnamen, die im Grunde nichts anderes sind.
 
Bezeugt sind Thronnamen und die Tatsache der Umbenennung für Artaxerxes I., der den Geburtsnamen Kyros trug, Dareios II. mit dem Geburtsnamen Ochos, Artaxerxes II., der Arses, und Artaxerxes III., der Ochos hieß, sowie für Dareios III., für den der babylonische Geburtsname Artaschat berliefert ist, während sein lateinischer Name Codomannus wohl bloß Beiname ist. Bei den Historikern des Alexanderzuges ist auch zu lesen, dass sich der baktrische Satrap Bessos, der 330 v. Chr. Dareios III. ermordet hat, nach dessen Tod selbst zum König erhoben und den Namen Artaxerxes angenommen habe.
 
Die Zeugnisse für eine derartige Umbenennung betreffen also die Zeit von Artaxerxes I. an und sichern als Thronnamen die Namen Artaxerxes mit der Bedeutung »dessen Herrschaft bzw. Reich sich auf die Wahrheit gründet« und Dareios mit der Bedeutung »das Gute festhaltend«. Diese Namen sind ganz unverkennbar programmatisch und drücken ein religiös-politisches Programm, einen Wahlspruch aus. Wenn für Dareios II. und Dareios III. mit Thronnamen zu rechnen ist, liegt es nahe, Gleiches auch für Dareios I. zu postulieren, obwohl wir dessen Geburtsnamen nicht kennen. Das in diesem Namen zum Ausdruck kommende Programm stimmt nun bestens zu anderen Zeugnissen, die gerade für Dareios I. eine konservative Einstellung bestätigen.
 
Wir müssen uns also fragen, ob nicht Dareios I. diese Sitte bei den Achämeniden eingeführt hat. Denn seit seinem Herrschaftsantritt stellen die Königsnamen eindeutig »sprechende Namen« dar — auch Xerxes' Name ist von dieser Art —, anders als die noch nicht einhellig gedeuteten Namen seiner Vorgänger Kyros und Kambyses und anders als die ganz normalen Namen seiner unmittelbaren Ahnen. Dareios I. hatte schließlich auch allen Anlass zu einer solchen Umbenennung, da er zu Lebzeiten seines Großvaters Arsames und seines Vaters Hystaspes ja nicht der legitime Erbe war.
 
»Großkönig«, »König der Könige«, »König der Länder«
 
Die offizielle Titulatur der Könige ist am authentischsten in deren offiziellen Proklamationen bezeugt. Sie variiert in ihrem Umfang beträchtlich und ist in der ausführlichsten Version zu Beginn der Bisutun-Inschrift bezeugt: »Ich (bin) Dareios, der große König, König der Könige, König in Persien, König der Länder.« Die vier Glieder dieser Titulatur werden auch selbstständig verwendet; so sind uns durch die antiken Autoren »großer König« und »König der Könige« als allein stehende Titel geläufig.
 
Der Titel »großer König« enthält ein Adjektiv, das erwiesenermaßen medisches Lehnwort ist, er stellt aber letztlich einen alten Titel mesopotamischen Ursprungs dar; der Titel »König der Könige« stammt gleichfalls aus Mesopotamien, er ist seit dem 13. Jahrhundert v. Chr. bezeugt und verrät sich durch seine Wortstellung als fremden Ursprungs. Diese durch urartäische Vermittlung aus Mesopotamien stammenden Titel sind in erster Linie zu verstehen als Ausdruck des Anspruchs der Achämeniden, dass sie die rechtmäßigen und ebenbürtigen Erben der babylonischen, assyrischen, urartäischen und medischen Könige sind.
 
Das bei Dareios an letzter Stelle stehende »König der Länder« ist der für die Achämeniden typischste Titel, da es sonst nur ganz vereinzelte Gegenstücke dazu im Assyrien des 9. Jahrhunderts und in Urartu gibt. Die zu »König der Könige« parallele Wortstellung verrät auch hier die fremde Herkunft. In späteren Inschriften erweiterte Dareios diesenTitel zu »König der Länder mit allen Stämmen«, und Xerxes I. variierte dies zu »mit vielen Stämmen«, was die Vermutung aufdrängt, dass hier der frühere Anspruch auf die Weltherrschaft zurückgenommen und variiert wird zu dem auf die Beherrschung eines Vielvölkerstaates.
 
In jenen Quellen, die nicht auf ein altpersisches Konzept zurückgehen, weichen die Titulaturen dagegen sehr stark ab. Sie stehen offenbar in der jeweils einheimischen, also etwa babylonischen oder ägyptischen Tradition und führen zu dem Schluss, dass dort die Achämeniden dadurch als legitime Nachfolger der einheimischen Könige anerkannt waren.
 
Die Reichsstruktur: Die Satrapen als »Schützer« der Herrschaft
 
Das Perserreich war ein Vielvölkerstaat unter der Führung der Perser. Unter den anderen Reichsvölkern nahmen die Meder eine besondere Stellung ein. Dies beweisen einige Passagen des Bisutuntextes, die das Perserreich gewissermaßen zergliedern in »Persien, Medien und die anderen Länder«; diese Sonderstellung illustrieren aber auch die Persepolisreliefs, auf denen Meder und Perser, die wir anhand ihrer Kleidung und Kopfbedeckung gut unterscheiden können, in den langen Reihen von Adligen, Gardisten, Hofbeamten und anderen Personen in bunter Folge nebeneinander stehen.
 
Das große Reich war in »Länder« unterteilt, deren Zahl offenbar nicht unveränderlich war. Die älteste bekannte Liste, die der Bisutun-Inschrift (Spalte I, Zeile 12—17), spiegelt den Zustand beim Tod des Kambyses. Sie zählt 23 »Länder« auf: Persien, Elam, Babylonien, Assyrien, Arabien, Ägypten, »die (Völker) am Meer« (an der Propontis und längs des Schwarzen Meeres), Lydien, Ionien, Medien, Armenien, Kappadokien, Parthien, Drangiane, Areia, Chorasmien (Charism), Baktrien, Sogdien, Gandhara, Sakien, Sattagydien, Arachosien und Mekran.
 
Diese Länder wurden — Persien ausgenommen — von »Satrapen« verwaltet, Gefolgsmännern des Königs, deren Titel in wörtlicher Übersetzung »Reichsschützer« oder »Herrschaftsschützer« bedeutet und nach denen die Griechen dann diese Länder »Satrapien« nannten. Die Satrapen wurden vom König offenbar auf unbefristete Zeit bestellt und hatten zum Teil große Macht und beträchtlichen Einfluss. Deshalb wundert es kaum, dass oftmals Angehörige der Königsfamilie die wichtigen großen Satrapien verwalteten. Solche Satrapen und Satrapien haben in ähnlicher Form anscheinend schon im Mederreich existiert. Anders ist es nicht zu erklären, dass der Satrapentitel fast überall, wo er belegt ist, eine Form aufweist, die gerade nicht persisch ist.
 
Diese Ländergliederung ist immer wieder verändert worden, offenbar bereits unter Dareios I. selbst, da in späteren Listen aus seiner Regierungszeit auch andere Namen wie Sagartien, Indien (gemeint ist die Indusprovinz), Thrakien, Libyen oder Karien auftreten. Wenig hilfreich ist die Liste der Steuerbezirke bei Herodot (3, 90—94), da sie von den orientalischen Quellen, die die Satrapien aufzählen, sehr stark abweicht und ganz für sich steht. Der Grund für solche Unterschiede, die in den Länderlisten bis zur Zeit Alexanders und den Teilungen von dessen Reich nach seinem Tod reflektiert werden, liegt selbstverständlich in Gebietsveränderungen oder organisatorischen Umgestaltungen. Nicht nur an Zusammenlegung ursprünglich selbstständiger Länder oder Aufteilung zu groß gewordener Verwaltungsbezirke ist da zu denken, sondern auch an die Beförderung besonders fähiger oder verdienter Satrapen und Ähnliches. Das Streben nach kleineren Satrapien und damit weniger mächtigen Satrapen, die leichter in Schach zu halten waren, mag ein sehr wesentliches Kriterium gewesen sein oder einfach auch nur der Umstand, dass die feudale Gesellschaftsstruktur die Einbeziehung von immer mehr Gefolgsleuten in den Herrschaftsapparat erforderte. Doch all die Veränderungen, ihre Ursachen und insbesondere auch die genauen Grenzen zwischen den einzelnen Reichsländern sind uns so gut wie nicht bekannt. Ihre historischen Wurzeln liegen selbstverständlich in den vorachämenidischen Staaten, die im Perserreich aufgegangen sind. Zum Teil haben aber lokale Dynastien, einem Satrapen unterstellt, auch weiter bestanden.
 
Diese Länder hatten dem König Tribut zu bringen, die Befehle des Königs auszuführen, sein Gesetz zu befolgen. Die feste Tributzahlung, die die Länder entrichten mussten, wurde allem Anschein nach erst von Dareios I. im Zusammenhang mit seiner Verwaltungsreform eingeführt, um das Reich auf eine gesunde wirtschaftliche Grundlage zu stellen. Zuvor hatten sich die Könige angeblich, nach Herodot, mit »freiwilligen« Geschenken und Abgaben begnügt. Nach ihm hatten sämtliche Steuerbezirke, die aber mit den Satrapien nicht identisch gewesen sein können, ein jährliches Fixum in Gold und Silber zu zahlen, einzelne zusätzlich noch Naturalabgaben, je nach ihren Möglichkeiten. Herodot gibt genaue Zahlen an, die vielleicht auf einer offiziellen persischen Quelle beruhen; als Gesamtsumme hat er daraus 14560 euböische Silbertalente errechnet. Diese Tributzahlungen an Gold, Silber, Elfenbein, Gefäßen, Vieh, Getreide, Wein, Öl u. a. waren die wichtigste Einnahmequelle; sie flossen in die großen Schatzhäuser von Susa, Ekbatana und Persepolis. Von hier sind uns, wie schon erwähnt, unzählige Tontäfelchen bekannt, die von den administrativen Vorgängen einen lebendigen Eindruck vermitteln. Aus all diesen Einnahmen war der gesamte Aufwand für den König und seinen Hofstaat, Diener- und Beamtenschaft, Heer, später auch Söldner sowie für öffentliche Arbeiten wie Palastbauten, Wege, Straßen und Kanäle zu bestreiten. Wenn wir mit den Angaben von Herodots Tributliste die vielen Delegationen aus allen Reichsländern konfrontieren, die die Persepolisreliefs darstellen, so zeigt dieser Vergleich, dass hier nicht Tributbringer, sondern Gabenbringer dargestellt sind, deren Geschenke — und Huldigung — der König entgegennimmt. Ihn tragen die Repräsentanten der Völker auf verschiedenen Reliefs auch oft genug wortwörtlich »auf Händen«, auf seinem Thron sitzend.
 
Die Herrschaft der Achämeniden über die unterworfenen Völker war insgesamt recht liberal, und man hat den einzelnen Reichsvölkern eine beträchtliche Autonomie belassen, vornehmlich den alten Kulturvölkern der Babylonier und Assyrer, Elamer, Juden und Ägypter. Es gab keine zentralistische Einheitsverwaltung, die eine kulturelle Gleichmacherei angestrebt hätte. Die einzelnen Völker konnten vielmehr ihre eigenen Institutionen, Gebräuche, Religion und Sprache, kurz: ihre Individualität bewahren, solange nur die allgemeine Reichsverwaltung in persischer Hand war. Belege für diese Toleranzpolitik sind etwa die von Kyros II. gestattete Rückkehr der Juden aus dem Babylonischen Exil und der Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem. Nicht zuletzt das Zusammenleben einer sehr gemischten Bevölkerung in den Reichszentren wie Susa oder Persepolis — hier verraten es die vielen Personennamen deutlich — vertiefte die Kontakte zwischen den verschiedenen Volksgruppen und führte zu gegenseitiger Toleranz, aber auch zu einer Art kulturell-religiösen Synkretismus.
 
Die Reichsverwaltung: Effektivität und Kontrolle
 
Das Verwaltungszentrum, in dem alle Fäden aus dem ganzen Reich zusammenliefen, war der Königspalast. Dort war das komplizierte bürokratische System mit seiner hoch entwickelten Buchführung angesiedelt. Als Kommunikationsmittel zwischen allen Verwaltungsstellen in den Zentralen und Provinzen diente, wie allgemein im Alten Orient, der per Boten geschickte Brief.
 
Verwaltungshauptstadt des Reiches war offenbar seit Dareios I. Susa, die erste und wichtigste der Königsresidenzen. Herodot sagt ausdrücklich (5, 49, 7), dass dort der Großkönig Hof hält und die Schatzhäuser stehen. In großartiger Weise haben Dareios und seine Nachfolger dort auch die uralte elamische Burganlage erweitert. Strittig ist dagegen die Zuverlässigkeit griechischer Nachrichten darüber, dass die Könige je nach der Jahreszeit in Susa, Babylon und Ekbatana oder gar auch in Persepolis residiert hätten.
 
Die Satrapen in ihren Provinzhauptstädten waren oft »Könige im Kleinen«, und ihr Hof und ihre Hofhaltung waren kleine Abbilder des großköniglichen Vorbilds. Sie leiteten die regionale bzw. lokale Verwaltung, hatten an Königs statt Recht zu sprechen, für den König Tribut einzutreiben und ähnliche Aufgaben. In späterer Zeit kam es wiederholt zu Satrapenaufständen mit dem Ziel der Unabhängigkeit vom Großkönig. Die politischen Kräfte — im Idealfall im Gleichgewicht — verschoben sich nämlich mit der Zeit ganz deutlich von dem nur theoretisch allmächtigen und allzuständigen König hin zu den Satrapen.
 
Aber wie alle Beamten der achämenidischen Reichsverwaltung unterlagen auch die Satrapen regelmäßigen Inspektionen durch Kontrolleure, die »Augen« bzw. »Ohren des Königs«, von denen uns übrigens nur griechische Autoren berichten. Diese zogen durch das gesamte Reich, begleitet von einer Art schneller Einsatztruppe, inspizierten ohne Vorwarnung die Amtsführung der Satrapen oder Verwalter der riesigen königlichen Domänen und erstatteten dem Großkönig unmittelbar Bericht.
 
Recht und Rechtsprechung: Dareios' Reform, »mein Gesetz«
 
Kyros II. und Dareios I. führten eine neue Gesetzgebung und ein neues Rechtsprechungssystem ein. Das neue Gesetz, dem im Ganzen der Reichsreform des Dareios eine zentrale Rolle zukam, fußte zwar auf dem alten persischen Recht, war aber wohl durch mesopotamische Elemente tief greifend verändert. Von einem schriftlich fixierten Gesetzescodex, etwa dem altbabylonischen des Hammurapi vergleichbar, ist uns nichts bekannt. Das königliche Gesetz — Dareios spricht von »seinem« Gesetz, das die Länder befolgen — war durch das Gottesgnadentum der Könige an das göttliche Recht gebunden. Es war für das gesamte Reich maßgebend. Demzufolge wurde das altpersische Wort »data«(»Gesetz«) zu einem Schlüsselwort der achämenidischen Herrschaft über die verschiedenen Völker des Perserreiches.
 
Dareios hielt sich, wie seine Inschriften zeigen und auch Platon bestätigt, für einen großen Gesetzgeber. Daher ließ er sich auch die früheren Gesetzestraditionen anderer Völker angelegen sein: Er veranlasste eine Sammlung der ägyptischen Gesetze, deren Niederschrift in Aramäisch und Demotisch im Jahr 495 v. Chr. zum Abschluss kam. Und dass Esra eine Kodifizierung der mosaischen Gesetze für die nach Jerusalem zurückgekehrte jüdische Gemeinde unternahm, ist ohne Zustimmung und Interesse des Königs nicht vorstellbar.
 
Die Rechtsprechung oblag dem König und besonderen »königlichen Richtern«, wie Herodot sie nennt, die vom König ernannt wurden. Somit blieb das Prinzip der absoluten und unbeschränkten Macht des Königs gewahrt. Diese Richter hatten die Gesetze auszulegen und Recht zu sprechen. Dabei sollte grundsätzlich der Tatbestand genau untersucht, im Besonderen aber jeweils auch die Schwere des Vergehens gegen frühere Verdienste des Angeklagten aufgerechnet werden. Gerechtigkeit beim Urteilsspruch ging über alles, und griechische Autoren berichten von etlichen korrupten Richtern, die wegen Nichtbeachtung dieses Grundsatzes zum Tode verurteilt worden sind.
 
Das Münzwesen im Perserreich: »Dareikos« und »Siglos«
 
Es gilt als wahrscheinlich, dass Dareios I. als erster der Achämenidenkönige Münzen hat schlagen lassen; er übernahm damit eine Errungenschaft, die die Welt dem Lyderkönig Krösus verdankt. Dareios hat die Entwicklung des Münzwesens entscheidend gefördert und hat für das ganze Reich verbindlich eingeführt, was zunächst nur im äußersten Westen des Reiches gebräuchlich war, einen einheitlichen Standard.
 
Der neue Münzstandard war der Golddareikos, der aus reinstem Gold (von mehr als 23 Karat) geprägt wurde und etwa 8,34g wog. Obwohl die Griechen diese Bezeichnung »dareikos« gewöhnlich auf den Namen jenes Königs bezogen, der ihn eingeführt haben dürfte, ist sie in Wirklichkeit wohl eher von dem persischen Wort für »Gold« herzuleiten. Diese Goldmünzen durften nur vom König ausgegeben werden, der ihr Gewicht und ihre Reinheit garantierte.
 
Daneben gab es Silbermünzen, Siglos oder hebräisch Schekel genannt, die aus reinstem Silber waren und ungefähr 5,56g wogen. Einem Dareikos entsprachen dem Wert nach 20 Sigloi. Das Wertverhältnis Gold zu Silber betrug 40 zu 3, da 8,34g Gold dem Wert von 111,2g Silber entsprachen. Formal waren Gold- und Silbermünzen einander ähnlich: Sie waren leicht oval und blieben während der ganzen Zeit bis zum Untergang des Perserreiches praktisch unverändert. Die Vorderseite der Münze, der Avers, bot das idealisierte Bildnis eines bärtigen Königs mit Zackenkrone, Speer und Bogen im Knielauf.
 
Während die Emission von Goldmünzen königliches Privileg war, konnten Silber- und Kupfermünzen auch von Satrapen, lokalen Dynasten und autonomen Städten ausgegeben werden. Solche Münzen trugen dann oft im Unterschied zu den Königsmünzen Legenden. Die persischen Münzprägungen haben offenbar nur in Kleinasien und im Handel mit griechischen Städten eine wirklich bedeutende Rolle gespielt, im übrigen Reich wurde weiterhin Naturalienwirtschaft (mit Dareikos und Siglos als Wertmaßstab und Rechengröße) betrieben. Die Entwicklung blieb auf halbem Wege stecken, weil die Könige Gold und Silber lieber in ihren Schatzhäusern horteten und so dem Geldumlauf entzogen.
 
Handel und Wandel, Wirtschaft und Verkehr
 
Der expandierende Handel im Achämenidenreich ist nicht nur der Einführung von festen Maßen und Gewichten bzw. eines geregelten Münzwesens zu verdanken. Über das ganze Reich wurde der Boden für eine gedeihliche wirtschaftliche Entwicklung bereitet. Für die Überwindung immenser Entfernungen ließ Dareios I. Straßen anlegen, die Susa und Babylon mit den verschiedenen Reichsteilen und Provinzhauptstädten verbanden und ein rasches Vorankommen garantierten.
 
Die berühmteste dieser Straßen ist die »Königsstraße« von Sardes nach Susa, deren Verlauf Herodot (5, 52—54) ausführlich beschreibt. Sie zog sich auf einer Länge von etwa 2600 km durch Babylonien, Assyrien, Armenien, Kilikien, Kappadokien, Phrygien bis nach Lydien und überquerte an großen Flüssen Tigris, Euphrat und Halys. Für den Normalfall waren 111 Tagesreisen vorgesehen, das heißt 110 Übernachtungen an den Haltepunkten; königliche Raststätten boten hier beste Unterkunftsmöglichkeiten. Aber daneben gab es viele andere, ältere und sicher auch wichtigere Fernstraßenverbindungen, seien es »natürliche« Karawanenpisten oder künstlich angelegte Allwetterstraßen. Hierzu zählen etwa die Verbindungen von Babylon über Susa nach Persepolis, von Babylon über die Zagrosberge und Ekbatana nach Baktrien und Indien oder von Issos quer durch das östliche Kleinasien nach Sinope am Schwarzen Meer. Diese Straßen waren auch für Fahrzeuge tauglich und von so hervorragender Qualität, dass sie den Untergang des Reiches lange überlebten.
 
Nach den Berichten griechischer Autoren wurden diese Straßen streng überwacht und kontrolliert, sodass sie als recht sicher gelten konnten. Dies hängt aufs Engste damit zusammen, dass sie auch für einen regelmäßigen Post- oder Kurierdienst geeignet waren, der sich auch noch unter dem Makedonenkönig Alexander dem Großen, den Diadochen und letztlich auch noch den Römern immer weiterentwickelt hat. Die Basis dieses Postsystems waren nach Herodot (8,98) Relaisstationen, die Tag und Nacht Ablösung für Ross und Reiter bereithielten, sodass diese Reiterstafetten die Entfernung von Susa nach Sardes in sage und schreibe sieben Tagen zurücklegen konnten.
 
Der Handel profitierte gleichermaßen auch von der Vollendung des Nechokanals, die ebenso eine weitsichtige Politik wie geographische »Neugier« des Königs verrät. Diese Verbindung von Mittelmeer und Rotem Meer über den Nil hatte zwar schon der Pharao Necho II. geplant, doch kam der stecken gebliebene Bau erst unter Dareios I. zum Abschluss, der denn auch seinen Stolz darüber auf Inschriftstelen verewigt hat. Der Kanal führte — anders als der moderne Suezkanal — von Bubastis am Nil durch das Wadi Tummilat und die Bitterseen nach Suez.
 
Die wirtschaftlichen Verhältnisse waren in den verschiedenen Reichsländern sehr unterschiedlich, wenngleich gerade unter Dareios I. allenthalben ein Aufschwung recht deutlich wird. Dies gilt zum Beispiel für den Ackerbau, von dem die wirtschaftliche Entwicklung des Reiches sehr stark abhing und der zum Wohl auch der Menschen gewaltige Förderung durch die Achämeniden erfuhr. Da die Verbesserung der Bewässerung zur Vermehrung der landwirtschaftlichen Nutzfläche und indirekt zur Produktionssteigerung wesentlich beitrug, wurden dafür in großem Maßstab unterirdische Bewässerungskanäle von der Art angelegt, wie sie noch heute in Iran und Afghanistan in Betrieb sind und als Ghanate bezeichnet werden.
 
Eigentümer der oft sehr großen Besitzungen waren in erster Linie der König und seine Familie, die Sippen der höheren und höchsten Beamten, die Tempel und die großen Handelsfirmen (aus Babylonien). Diese Besitzungen, die Ackerland, Gärten und Plantagen ebenso umfassten wie Jagdreviere und Tierparks, die bei den Griechen »Paradiese« hießen, wurden gewöhnlich verpachtet und brachten auf diese Weise immensen Reichtum und große Macht ein. Die unruhigen Zeiten im 4. Jahrhundert v. Chr. wirkten sich dann aber negativ auf die Verwaltung und die finanzielle Lage aus — beispielsweise wurden hohe Steuern erhoben, um die vielen fremden Söldnertruppen bezahlen zu können —, sodass der allmähliche wirtschaftliche Niedergang unvermeidbar war. Beschleunigt wurde dieser auch durch den Luxus und die Genusssucht, denen sich nicht allein die Könige hingaben. Griechische Autoren bezeugen diesen königlichen Luxus aufs Deutlichste.
 
Der Wohlstand und Reichtum unter den Achämeniden führte auch zum Bau prächtiger Palastanlagen in Pasargadai (unter Kyros II.), Susa und vor allen anderen in Persepolis, wo Dareios I. sozusagen aus dem Nichts eine Palaststadt von etwa 450 m×300 m Fläche zu errichten begann. So fällt der Höhepunkt der Persermacht auch mit der »klassischen« Blütezeit der achämenidischen Kunst unter Dareios I. zusammen, deren oberstes Ziel in der Glorifizierung der Herrscherdynastie, des Königs und des Reiches bestand.
 
Militär: Von »10000 Unsterblichen« und Söldnern
 
Zur Aufrechterhaltung der Ordnung im Reich, zur Verteidigung seiner Grenzen und um es — mehr als nur einmal — überhaupt zusammenzuhalten, waren Soldaten unverzichtbar. Der Aufbau des Heeres scheint sich im Laufe der Zeit geändert zu haben. Während unter Kyros II. alle erwachsenen persischen Männer wehrpflichtig gewesen zu sein scheinen, gab es später ein stehendes Berufsheer, das bei Bedarf durch zusätzliche Truppen ergänzt werden konnte. In Friedenszeiten gab es anscheinend nur dieses stehende Heer von Persern und Medern, das Reiter und Fußsoldaten umfasste und jährlich vom König inspiziert wurde.
 
Die Elitetruppe dieses Heeres war die königliche Garde der »10000 Unsterblichen«, von denen Herodot berichtet. Für jeden dieser Gardesoldaten musste nämlich bei Ausscheiden durch Tod, Verwundung oder aus anderen Gründen sofort Ersatz gestellt werden, um die Zahl wieder auszugleichen. Aber diese Erklärung für ihre »Unsterblichkeit« ist zweifellos nur die Folge der falschen Übersetzung eines persischen Wortes. Ein Teil dieser Garde bildete die Leibgarde des Königs, jene Soldaten, die in langen Reihen auf den Reliefs von Persepolis oder auf glasierten Ziegeln in den Palästen von Susa dargestellt sind. Ihr Anführer war der »Chiliarch«, der Tausendschaftsführer, der offenbar als Heerführer und möglicherweise auch als eine Art Minister überragenden Einfluss gehabt hat.
 
Über das ganze Reich waren auf die strategisch wichtigen Punkte Garnisonen verteilt, die unter dem Kommando persischer Offiziere standen. Wenn es zum Krieg kam, wurden diese Elitetruppen durch Soldaten verstärkt, die all die verschiedenen Reichsvölker zu stellen hatten, deren Anführer aber ausschließlich Perser und Meder waren. Ein ausführlicher Überblick über die Truppen, die Xerxes nach Griechenland führte, stellt uns dies in der Schilderung einer Truppenparade vor dem König bei Herodot anschaulich vor. Diese aus allen Satrapien bunt zusammengewürfelte Streitmacht war in nationale Einheiten unter dem Befehl des jeweiligen Satrapen gegliedert und jeweils auch nach heimischem Brauch gekleidet und bewaffnet.
 
Die Haupteinheiten waren Reiter, Speer- und Bogenschützen, und unter diesen beiden scheint es sowohl berittene wie auch unberittene Kontingente gegeben zu haben. Über die Größe solcher Heere können wir uns kein genaues Bild machen, da die Zahlen bei den griechischen Autoren gewöhnlich weit übertrieben sind und in den orientalischen Quellen keine Angaben dieser Art vorkommen. Da die Schlagkraft dieser Heere offenbar nicht sehr groß war, wurden die persischen Fußsoldaten im Laufe der Zeit mehr und mehr durch griechische Söldner ersetzt.
 
Prof. Dr. Rüdiger Schmitt, Saarbrücken
 
 Die Gesellschaft zur Zeit Dareios' des Großen
 
Könige, Adlige und einige herausragende Persönlichkeiten haben immer die Geschicke der Völker bestimmt; von ihnen berichten auch die Geschichtsschreiber. Selten hört man etwas von der breiten Masse des Volkes, von all den Menschen, die — ebenso wie wir — ihre tägliche Arbeit verrichten mussten. So ist es ein glücklicher Zufall, dass in Persepolis Tausende von Keilschrifttäfelchen gefunden worden sind, die aus dem Verwaltungsarchiv des Königs Dareios stammen. Durch sie können wir viele Einblicke in das tägliche Leben der Menschen im damaligen Perserreich gewinnen. Den trockenen Aktennotizen Informationen abzugewinnen ist aber nur möglich, wenn man alle im Zusammenhang betrachtet, nachforscht, welcher Beamte wo, mit welchen anderen auftritt, wo und in welchem Zusammenhang sein Siegelabdruck zu finden ist usw. Doch die Mühe lohnt sich.
 
Betrachten wir ein Täfelchen näher, auf dem vermerkt ist, dass im 21. Regierungsjahr des Königs Dareios, also 501 v. Chr., 180l Wein von Hutschaya ausgegeben werden. Er verwaltet, wie uns viele weitere Täfelchen verraten, die Weinvorräte im Orte Vanta. Dieser liegt sieben Tagereisen von Persepolis entfernt an der Straße, die nach Susa führt, und zwar inmitten eines reichen Weinanbaugebietes. Dort gab es auch eine Poststation, in der Reisende übernachten konnten. Sie wird etwa so ausgesehen haben wie die Karawanenstationen, die sich teilweise bis heute im Orient erhalten haben. Menschen und Tiere fanden dort gemeinsam einen sicheren Unterschlupf für die Nacht. Der Reisebegleiter Bagabadusch machte dort sogar mitsamt 547 Ägyptern Station. Was mögen das für Leute gewesen sein? Das Täfelchen vermerkt, dass sie auf dem Wege nach Tauka waren. Dieser Ort lag im Süden der Persis, und dort gab es weite Getreideanbaugebiete. Immer wieder sprechen die Belege von Hunderten von Arbeitern, die dort, vor allem zur Erntezeit, eingesetzt wurden. Nicht nur Ägypter werden genannt, sondern auch Babylonier und Syrer, Lykier und Karer aus Kleinasien, ja sogar Thraker aus dem nördlichen Griechenland oder Baktrer und Sogdier aus dem fernen Nordosten des persischen Großreiches. Hier begegnen riesige Mengen an »Gastarbeitern«, die von weit her gekommen waren. Eingesetzt wurden sie vor allem in der Landwirtschaft oder als Bauarbeiter. Nicht nur in Persepolis, auf dessen Terrasse König Dareios ein weites Repräsentations- und Verwaltungszentrum völlig neu erstehen ließ, herrschte eine rege Bautätigkeit.
 
Man hat vermutet, dass es sich bei diesen Arbeitern vielleicht um Sklaven handelte. Doch dafür lässt sich kein Anhaltspunkt gewinnen. In den Abrechnungen der Verwaltungstäfelchen werden sie genauso wie Perser behandelt. Unter ihnen begegnen auch Spezialisten wie Viehzüchter aus Thrakien oder Schreiber aus Babylonien, die auf Pergament schreiben konnten. Denkbar wäre, dass sie für eine gewisse Zeit zwangsverpflichtet worden sind. Andererseits scheinen Fachleute, wie zum Beispiel griechische Bildhauer, ebenso wie Soldaten mit der Zusicherung einer guten Bezahlung herbeigeholt worden zu sein.
 
Ob die Ägypter direkt aus ihrer Heimat eingetroffen waren oder ob sie schon vorher an einer anderen Stelle in der Persis gearbeitet hatten, können wir nicht sagen. Doch tragen sie eine gesiegelte Urkunde des Bagapana bei sich. Er war der Satrap in Susa. Also müssen die Ägypter dort zumindest Station gemacht haben.
 
Bei ihrer Rast in Vanta erhalten sie 180l Wein. Das ergibt etwa 1/3 l für jeden. Die meisten »Gastarbeiter« standen auf der niedrigsten Gehaltsstufe. Das bedeutete, dass sie täglich 1 l Gerste erhielten, wovon sie sich dann selbst Brot backen konnten. Dieses war die Mindestration für einen erwachsenen Arbeiter; diese Menge bekamen zum Beispiel Reitknechte, Arbeiter im Schatzhaus, Garnspinner, Holzarbeiter, Tischler, Ölmacher und Obstsaftbereiter, aber auch Feinarbeiter, Goldschmiede und persische Knaben, die Inschriften abschreiben.
 
Allen Arbeitern, die nur die Mindestration erhielten, standen aber noch weitere Sonderzuwendungen zu, und zwar regelmäßige Zuteilungen und andere, die aus besonderem Anlass ausgeteilt wurden. Regelmäßig gab es zum Beispiel alle zwei Monate 1l Mehl und 1/2l Wein oder Bier. Einmal im Monat erhielten 30 Arbeiter zusammen ein Stück Kleinvieh. Das ist für den Einzelnen natürlich kaum eine Portion zum Abendessen. Doch müssen wir dabei bedenken, dass ein Durchschnittsbürger Griechenlands in klassischer Zeit höchstens zweimal pro Jahr überhaupt in den Genuss von Fleisch kam, nämlich im Zusammenhang mit den großen Opferfesten. Somit erschien den Griechen allein die Tatsache, dass Arbeiter regelmäßig Fleischzuteilungen erhielten, als ein unerhörter Luxus.
 
An weiteren Extrarationen kam die »königliche Unterstützung« hinzu. Sie bestand aus Mehl oder Gerstenmalz, Sauerwein, getrockneten Feigen, Datteln, Nüssen oder Mandeln. Nur an Männer wurde monatlich 1 l Leinsamen ausgegeben. Nichts finden wir in den Verwaltungstäfelchen über frisches Gemüse. Dieses muss aber unbedingt zu einer ausgewogenen Ernährung gehört haben. In der Regel hatte wohl jede Familie ihr kleines Gärtchen, in dem sie für ihren eigenen Bedarf Zwiebeln, Lauch und frisches Gemüse anbauen konnte. Die Tatsache, dass von der Verwaltung lebendige Zicklein ausgegeben wurden, weist darauf hin, dass vorgesehen war, diese Tiere daheim aufzuziehen, um Milch zu gewinnen, Joghurt und Käse herzustellen. Arbeiter, die zum Beispiel in den Manufakturen der Schatzhäuser angestellt waren, wurden mittags offenbar in der »Kantine« versorgt, denn unter dem Personal dieser Institutionen finden sich immer mehrere Köche oder Köchinnen.
 
Neben den genau festgelegten Sonderrationen gab es noch besondere »Wunschkost«, die nur bei bestimmten Anlässen verteilt wurde. Diese erhielten Schwerarbeiter oder solche, die sich besonders angestrengt hatten, auch Frauen, die ein Kind geboren hatten. Die Höhe der Zuteilung für diese Frauen hing allerdings davon ab, ob sie einen Jungen oder ein Mädchen zur Welt gebracht hatten. Für einen Jungen gab es monatlich 20 l Getreide und 10 l Wein oder Bier, für ein Mädchen von beidem die Hälfte, und dieses fünf Monate lang. Offenbar freute sich der König über die Geburt eines Jungen noch mehr als über ein Mädchen. Dieses ist indessen der einzige Unterschied in der Behandlung der Geschlechter, der dem Material der Verwaltungstäfelchen zu entnehmen ist. Auffällig ist sonst vielmehr, dass bei der Bezahlung der Arbeiter und Angestellten Frauen und Männer völlig gleich behandelt werden.
 
Das etwas kompliziert erscheinende, aber bestens organisierte System der Sonderzuteilungen für diejenigen, die auf der untersten Stufe der Verdienstleiter standen, zeigt deutlich das Bestreben, Härtefälle zu vermeiden und jedem Arbeiter die volle Arbeitskraft zu erhalten. Dieses konnte nur im Sinne des Königs sein. Wenn also die ägyptischen Arbeiter, die auf dem Wege von Susa nach Tauka waren, bei ihrer Rast in Vanta jeder 1/3 l Wein erhielten, so war von der Verwaltung bereits vorher berücksichtigt worden, dass sie auf der langen Reise diese Stärkung sicher nötig hatten. Immerhin mussten sie täglich im Schnitt 24 km zurücklegen, und das bei einer Strecke, die teils stark durchs Gebirge führte.
 
Doch dieses Täfelchen, das die Ausgabe von Wein an Arbeiter in Vanta belegt, ist sieben Tagereisen von diesem Ort entfernt in Persepolis gefunden worden. Hier können wir einen Einblick gewinnen in die Arbeitsweise der persischen Verwaltung. Ihr Zentrum lag in Persepolis. Dort hatten die obersten Beamten ihren Sitz, und dort liefen alle Fäden zusammen. Und dorthin musste auch von jedem einzelnen Beleg, wo immer er ausgestellt sein mochte, eine Abschrift geliefert werden. So konnte auch die geringste Ausgabe jederzeit überprüft werden. An der Spitze dieser weit verzweigten Verwaltung, direkt dem König unterstellt, stand der Hofmarschall. Unter Dareios hatte dieses Amt lange Jahre ein Mann namens Farnaka inne. Er war der wichtigste Beamte des gesamten Reiches und sogar den Satrapen übergeordnet. Das zeigt sich auch ganz deutlich an seinem Einkommen. Täglich standen ihm 180 l Mehl zu, und zwar vom feinsten. Die einfachen Arbeiter erhielten dagegen nur 1l Gerste, wie wir sahen. Farnakas Monatseinkommen belief sich somit auf 5400l Mehl; dazu kamen 2700l Wein. Nur ein einziger Mann erhielt noch höhere Rationen, Gaubarva, der Vater der ersten Frau des Königs, dem er wohl besonders vertraute und den er zu seinem Lanzenträger gemacht hatte. Er erhielt täglich noch 10 l Wein mehr als Hofmarschall Farnaka, also insgesamt 3000 l im Monat. Neben Mehl und Wein standen Farnaka 60 Hammel oder Ziegen zu, täglich zwei Stück. Diese großen Mengen an Naturalien konnte er allein gar nicht verzehren. Andererseits brauchte er aber auch seine Bediensteten nicht davon zu verpflegen, denn diese standen ebenfalls in Diensten des Königs. Mehrfach sind unter anderem 300 Burschen des Farnaka erwähnt, die ihre Zuteilungen erhalten. Was er nicht selbst verbrauchte, konnte der Hofmarschall also offenbar auf dem Markt verhandeln lassen. Dieser jahrtausendealte Tauschhandel befand sich aber gerade zu dieser Zeit, nach Erfindung des Geldes, in einer Umbruchphase. Und bald ging man auch in Persepolis dazu über, die Löhne der Angestellten zumindest teilweise in Silber auszuzahlen.
 
Die Hauptlast der Verwaltung lag auf den Schultern des Hofmarschalls. Er hatte zum Beispiel die Oberaufsicht über alle Steuer- und Pachtabgaben, überprüfte die Belege über die Ablieferung von Getreide, Früchten und Tributtieren und die Bestandsaufnahmen der Ernteerträge. Auch für die königliche Vorratshaltung war Farnaka verantwortlich. So ließ er Getreide nach Persepolis bringen und Geflügel speziell für den König aufziehen. Ist der König auf Reisen, schickt er Kuchenbäcker vor ihm her, sodass bei Ankunft des Königs an der nächsten Station frisches Brot und feine Kuchen bereit sind. Der königliche Marstall mit allen Bediensteten sowie Kamelen, Pferden und Maultieren ist Farnaka unterstellt. Auch der Einsatz von zusätzlichen Arbeitskräften wird vom Hofmarschall gelenkt. Werden also zum Beispiel solche zum Ernteeinsatz in Tauka benötigt, muss überlegt werden, wo Arbeiter abgezogen werden können, auf welchem Wege und unter welcher Führung sie an ihren neuen Bestimmungsort gelangen, welche Verpflegung sie zu erhalten haben und woher diese beschafft werden kann. Oft müssen erst noch von entfernter gelegenen Orten Getreide und Früchte geliefert werden, da man auf so viele zusätzliche Esser nicht eingerichtet ist.
 
Der Hofmarschall schickt nicht nur Arbeiter, sondern auch Richter, Rechnungsführer und -prüfer, Karawanenführer und offizielle Gesandtschaften auf Reisen. Damit alle diese an den verschiedenen Poststationen entsprechend aufgenommen und versorgt werden, sich vielleicht auch bei Straßenkontrollen durch die Polizei ausweisen können, erhalten sie eine gesiegelte Urkunde vom Hofmarschall. Einen solchen »Reisepass« durften nur der Hofmarschall oder sein Vertreter, der Vizemarschall, ausstellen. In den Provinzen sind dafür die Satrapen und deren Stellvertreter zuständig. So zeigte auch der Reisebegleiter Bagabadusch mit den 547 Ägyptern eine Urkunde des Satrapen von Susa vor. Auf dem Ausweis waren nicht nur der Reiseweg genau eingetragen, sondern auch die Rationen, die den Reisenden zustanden.
 
Alle diese Aufgaben konnte der Hofmarschall natürlich nicht allein erledigen. Vielmehr stand er an der Spitze eines weit verzweigten Verwaltungsnetzes. Der Vizemarschall hatte dieselben Aufgaben zu erfüllen und hatte, vor allem bei Abwesenheit des Hofmarschalls, dieselben Kompetenzen. Dennoch war er in seiner Bezahlung deutlich abgesetzt und erhielt mit 1800l Mehl und 900l Wein nur ein Drittel. Die Fleischration betrug 45 Ziegen oder Schafe, also immerhin drei Viertel von derjenigen des Hofmarschalls.
 
Auf diese beiden Spitzenbeamten folgte der Hofschatzwart. Ihm waren sämtliche Schatzhäuser in der Persis mitsamt ihrem Personal unterstellt, insgesamt 19. Diese dienten nun nicht nur dem Sammeln und Aufbewahren von Schätzen, sondern auch ihrer Herstellung. Dort gab es Silber- und Goldschmiede, Möbeltischler, Schneider und Teppichknüpferinnen. Hunderte von Handwerkern waren dort beschäftigt. In Persepolis selbst werden im Jahre 467 v. Chr. auf einem Beleg 1348 Arbeiter genannt. Eine wichtige Abteilung der Schatzhäuser waren die Schneiderwerkstätten. Dort wurden die berühmten persischen Gewänder hergestellt, die vermutlich noch kostbar bestickt wurden und dem König als wertvolle Geschenke dienten, aber auch ganz einfache Kleider, die für Angestellte der Krone bestimmt waren und einen weiteren Bestandteil der Entlohnung bildeten. Das Erstaunlichste ist aber, dass all diesen Manufakturen immer eine Frau vorstand. Eine solche Vorgesetzte erhielt den höchsten Lohn aller dort Beschäftigten, nämlich 50l Gerste, 30l Wein und 1/3 Ziege oder Schaf monatlich.
 
Auf gleicher Ebene mit dem Hofschatzwart standen zwei »Hofintendanten«, unter denen das gesamte Gebiet der Persis aufgeteilt war. Sie waren in erster Linie für den Einsatz der Arbeiter und deren Verpflegung zuständig, überwachten die gesamte Getreideverwaltung, den Früchteanbau und die Tierhaltung. Auch die Kontrolle von Steuereinnahmen und Erträgen von verpachtetem Land fiel in ihren Aufgabenbereich. Ihnen unterstand eine ganze Fülle von weiteren Beamten, die für immer kleinere Bereiche zuständig waren, sodass ihre Zahl nach unten hin zunahm. Die Arbeiter waren in Zehnerschaften und Hundertschaften mit jeweils eigenen Anführern eingeteilt.
 
Prof. Dr. Heidemarie Koch, Marburg
 
 Frauen im Perserreich
 
Den griechischen Schriftstellern, wie zum Beispiel Platon und Plutarch, war in ihren Berichten offenbar daran gelegen, einerseits die ungeheure Verschwendungssucht der persischen Königinnen herauszustellen, andererseits aber auch zu zeigen, welch ein unfreies Leben sie führen mussten. Das von ihnen vermittelte Bild hat unsere Vorstellungen vom Leben der persischen Frauen geprägt. Durch die Verwaltungstäfelchen aus Persepolis können wir nun erstmals einen Einblick in das tägliche Leben der Perserinnen gewinnen, und zwar nicht nur das der Königinnen, sondern auch der ganz einfachen Frauen, die tagtäglich ihre Arbeit verrichten und außerdem ihre Familie versorgen mussten. Und dieses Bild sieht ganz anders aus, als man uns berichtet hat.
 
Nachdem Dareios der Große im Jahre 522 v. Chr. die Macht ergriffen hatte, übernahm er den Harem seines Vorgängers. Das war so üblich, denn die Damen mussten ja weiterhin eine gesicherte Existenz haben. Zum anderen war es auch politisch klug, denn so konnte Dareios sich mit zwei Töchtern von Kyros dem Großen vermählen und damit die Legitimität seiner Herrschaft betonen. Die ältere, Atossa (altpersisch Hutautha: »die mit den schönen Schenkeln«), wurde seine Hauptgemahlin und dann Mutter des Kronprinzen Xerxes. Ihr Name hat sich nur auf zwei Täfelchen erhalten. Dort werden ihr Steuerabgaben an Weizen und Gerste überwiesen. Häufiger begegnet ihre jüngere Schwester Artystone (altpersisch Rtastuna: »Säule der rechten Ordnung«). Ihr gehörten zumindest in drei Orten Paläste, die mit weiten Landgütern verbunden waren. In einem Brief weist sie zum Beispiel ihren Verwalter in Kuganaka an, einem bestimmten Rechnungsführer 1000l Wein aus den Palastvorräten zu übergeben. Dieser Wein wurde wohl noch zusätzlich als Entlohnung von Arbeitern benötigt. Denn die Königinnen waren auch für alle in ihren Diensten Stehenden verantwortlich. Nicht nur in den landwirtschaftlichen Betrieben ihrer großen Güter, sondern auch in Werkstätten mit bis zu 480 Beschäftigten waren Arbeiter für sie tätig. Die Richtigkeit aller mit ihren Besitzungen verbundenen Abrechnungen musste von den Königinnen überprüft und mit ihrem eigenen Siegel bestätigt werden. So ermahnt in einem Schreiben die Königin Rtabama (»Glanz der rechten Ordnung«) die Rechnungsführer eines ihrer Landgüter, ihr doch endlich die bereits früher verlangte Abrechnung zu erstellen. Diese Königin begegnet am häufigsten auf den Täfelchen. Doch wird sie von den griechischen Schriftstellern überhaupt nicht erwähnt. Vermutlich war sie die erste Frau des Königs Dareios, die er geheiratet hatte, noch ehe er König geworden war.
 
Um all ihren Aufgaben gerecht zu werden, mussten die Königinnen viel herumreisen und selbst an Ort und Stelle nach dem Rechten sehen. Des Öfteren sind sie auf Reisen anzutreffen, und von der Verwaltung wurde dann immer genauestens Buch geführt, was sie mitsamt ihrem Gefolge verzehrt hatten. Im Jahre 498 v. Chr. besuchte zum Beispiel Königin Artystone in Begleitung ihres Sohnes drei Orte in der Elymais. Dabei wurden 4260l Mehl, 21l fertige Gerstenspeisen und 543l Bier für die Königin und ihr Gefolge ausgegeben. Dieses sind indessen nur zufällig erhaltene Belege. Was sonst noch verbraucht wurde, wieviel Personal, was an Reit- und Lasttieren sie bei sich hatte und andere Informationen erfahren wir leider nicht.
 
Besonders interessant sind zwei Belege aus Persepolis. Auf dem einen weist der Hofmarschall Farnaka den Hofherdenmeister an, der Königin Artystone 100 Schafe zu übergeben, auf dem anderen den Hofkellermeister, ihr 2000l Wein auszuhändigen. Beide tragen den Vermerk: »Vom König wurde es befohlen.« Dieses waren offenbar Sonderausgaben, die Dareios eigens anordnen musste. Es sieht so aus, als hätte Königin Artystone zu Beginn des Jahres 503 v. Chr. einen großen Empfang in Persepolis gegeben. Drei Jahre später hören wir, dass Königin Rtabama in Susa 2360l Wein auf einmal erhalten habe. Ob auch sie ein Festmahl veranstaltet hat?
 
Die achämenidischen Königinnen waren also keineswegs nur hinter Haremsmauern verschlossen. Sie konnten sich vielmehr frei und auch ohne Begleitung des Königs im Lande bewegen und verfügten eigenständig über große Besitztümer.
 
Ergibt sich hier also schon ein völlig neues Bild der hoch gestellten Frauen im Achämenidenreich, so wird dieses noch interessanter, wenn man die einfachen Frauen betrachtet. Gewöhnlich wird ja in der Geschichte von ihnen überhaupt nicht berichtet. Doch die zu ganz anderen Zwecken abgefassten Verwaltungstäfelchen verraten uns auch über sie eine ganze Menge. So sehen wir, dass offenbar Männer und Frauen völlig gleich entlohnt wurden. Gut erkennen lässt sich das in den Schneiderwerkstätten der Schatzhäuser. Dort übten mitunter Männer und Frauen die gleiche Tätigkeit aus. Die Bezahlung richtete sich danach, ob die Betreffenden einfache Gewänder, feine oder superfeine Umhänge und Mäntel herstellten. Auch unter den Kunst- und Feinhandwerkern finden sich viele Frauen. In diesen Berufen konnten Frauen offenbar dieselbe Spezialisierung erhalten wie Männer, und lediglich die Art der Tätigkeit und die Ausbildungsstufe waren ausschlaggebend für das Gehalt. So stand an der Spitze der Manufakturen der Schatzhäuser immer eine Frau. Und sie verdiente mehr als alle unter ihr beschäftigten Männer.
 
Allerdings wurden den einfachen Frauen wohl niemals Aufgaben übertragen, bei denen man im Lande herumreisen musste, wie zum Beispiel die vielen Rechnungsführer und -prüfer. Offenbar sollten die Frauen immer in der Nähe ihrer Familie bleiben. Und für diese wurde auch eine ganze Menge getan. Bei Geburt eines Kindes erhielten die Frauen einen fünfmonatigen »Mutterschaftsurlaub«. Während dieser Zeit wurde ihnen ein Grundgehalt von 20l Gerste weitergezahlt, hinzu kamen die Sonderzuteilungen, mit denen der König eine Geburt belohnte. Die Kinder wurden von Anfang an mit in die Versorgung einbezogen und erhielten eigene Rationen, die mit dem Alter zunahmen. Für die ganz Kleinen wurden eigens »Ammen« beschäftigt, die sie während der Arbeitszeit ihrer Mütter versorgten. Außerdem hatten die Mütter wohl die Möglichkeit, kürzere Zeit zu arbeiten, um ihren hausfraulichen Pflichten nachzukommen. Dieses wurde dann allerdings bei der Bezahlung entsprechend berücksichtigt. Wir können hier also Einblick nehmen in ein soziales System, bei dem der Familie und in ihr der Stellung der Mütter eine ganz besondere Bedeutung beigemessen wird, obwohl die Frauen so weit wie möglich mit in den Produktionsprozess einbezogen wurden. Dabei wurde ihre Arbeitskraft und ihre Ausbildung in gleicher Weise honoriert wie die der Männer. Das hätte man bei einer orientalischen Gesellschaft um 500 v. Chr. nicht erwartet.
 
Neben den Königinnen und den Frauen, die in öffentlichen Diensten standen, gab es natürlich noch Frauen in anderen Funktionsbereichen. Sie werden von der Verwaltung nur in Ausnahmefällen erfasst, etwa wenn Großgrundbesitzerinnen ihren Steueranteil von der Getreideernte oder ihren Tierherden abliefern. Die vielen Tausende von Ehefrauen der Bauern oder der selbstständigen Handwerker treten gar nicht in Erscheinung. Doch erfahren wir aus den in Babylonien oder Ägypten erhaltenen Rechtsurkunden, dass die Frauen des achämenidischen Großreichs durchaus als freie Rechtspersonen angesehen wurden. Sie konnten frei über ihren Grundbesitz verfügen, Prozesse führen oder sich scheiden lassen, ohne dabei ihr Eigentum zu verlieren.
 
 Zarathustra und seine Lehre
 
Zarathustra, der erste Prophet der Weltgeschichte, Stifter der ganz ungewöhnlichen persischen Religion, die in vielem christliche Ideen vorwegnimmt, ist schon seit Jahrhunderten eine sagenumwobene Persönlichkeit. Bereits die alten Griechen waren sich nicht mehr im Klaren darüber, wann er nun eigentlich gelebt hatte, und gaben die unterschiedlichsten Berichte von ihm und seinem Wirken. So berichtet zum Beispiel Plinius der Ältere, dass die griechische Äonenspekulation seinen Geburtstag 6000 Jahre vor Platons Geburtstag annimmt. Je weniger man wirklich von ihm wusste, umso lebhafter ließ man seiner Phantasie freien Lauf. Sah man auf der einen Seite in ihm den weisesten der Perser, so wurde er für andere ein Inbegriff aller Magier und Anhänger der schwarzen Künste. Dieses schillernde Bild wurde auch ins Abendland tradiert, und die Entstellung erreichte ihren Höhepunkt am Ende des 19. Jahrhunderts in dem berühmten Werk von Friedrich Nietzsche »Also sprach Zarathustra«. Von diesem Philosophen ist das Antibild des Propheten indessen ganz bewusst gezeichnet und als Provokation seiner Leser aufgefasst worden.
 
Je weniger man von Zarathustra und seiner Lehre wirklich wusste, desto heftiger stritt man darum. Erste verlässliche Nachrichten brachte der Franzose Abraham Hyacinthe Anquetil-Duperron in den Westen und wurde damit zum Begründer der Iranistik. Er hatte sich 1754 im Alter von 23 Jahren mit der Indienkompanie, einem abenteuerlichen, größtenteils aus den Gefängnissen rekrutierten Haufen, eingeschifft, wobei sein ganzes Gepäck, wie so anschaulich berichtet wird, lediglich aus einigen Büchern, zwei Hemden, zwei Taschentüchern und einem Paar Socken bestand. In Indien kam Anquetil-Duperron in Kontakt mit den Parsen, der bedeutendsten Minderheit von Zarathustraanhängern, die noch heute im Gebiet von Bombay und in Pakistan leben. Dorthin hatten sie sich unter dem Ansturm des Islam im 7. Jahrhundert zurückgezogen. Kleinere Gruppen von Zoroastriern gibt es auch heute noch in Iran. Von den Priestern der Parsen ließ sich Anquetil-Duperron in die Geheimnisse ihrer heiligen Schriften einführen und brachte 180 von ihm kopierte Manuskripte heim nach Europa. 1771 erschien dann sein von den abendländischen Gelehrten sehnsüchtig erwartetes Buch »Zend-Avesta, Werk des Zoroaster«. Es war eine große Enttäuschung! Der Philosoph Voltaire nannte es einen »abscheulichen Wust«, Goethe in den Erläuterungen zu seinem »West-östlichen Divan« eine »verrückt-monstrose Religion«. Andere sprachen von einem »oft abstoßenden Text«, einer »Folge von Bruchstücken«, ja einem »Trümmerfeld«. Und damit hatten alle leider nicht ganz Unrecht. Denn was sich dort im Laufe von Jahrhunderten angesammelt hat, ist in der Tat ein seltsames Gemisch, in das einander ganz entgegengesetzte Ideen eingeflossen sind.
 
Avesta — Das heilige Buch der Zoroastrier
 
Um was handelt es sich nun eigentlich bei diesem Avesta? Der Name bedeutet in etwa »Grundtext«, »Überlieferung«, »Eloge«. Erst spät ist es niedergeschrieben worden, nachdem man es über Jahrhunderte hin mündlich tradiert hatte. Und der älteste uns erhaltene Text stammt gar erst aus dem Jahre 1278, die wichtigsten Texte aus dem 16./17. Jahrhundert. Insgesamt umfasste das Avesta einmal 21 Bücher, die aber größtenteils verloren gegangen sind. Der Hauptteil, das Yasna, »Verehrung«, besteht aus 72 Kapiteln. Es ist ein liturgisches Buch, das noch heute beim Hochamt der Parsen von Anfang bis Ende aufgesagt wird. Überwiegend handelt es sich dabei um eintönige Formeln mit langwierigen Wiederholungen. Doch hat sich inmitten dieser Litaneien ein wertvoller Schatz erhalten. Es sind die Gathas, 16 oder 17 Gesänge, die offenbar den ältesten Teil des gesamten Avesta darstellen und vermutlich auf den Propheten Zarathustra selbst zurückzuführen sind. Geschrieben sind sie in einem uralten Hymnenstil der indogermanischen Zeit mit Stabreim und Wortspielen. Leider ist ihre Sprache aber so kompliziert, dass ihr Inhalt bis heute nicht eindeutig geklärt werden konnte. Man hat die Gathas als die schwierigsten Verse der Literaturgeschichte bezeichnet, und teilweise widersprechen sich die Übersetzungen derart, dass man meint, es müsse sich um verschiedene Texte handeln. Trotz all dieser Schwierigkeiten lassen sich aber doch die Grundgedanken der Lehre Zarathustras diesem ältesten Kern entnehmen; neu erschlossene Quellen treten ergänzend und klärend hinzu.
 
Da der Unterschied zwischen dem von Zarathustra verkündeten Glauben und all dem, was im Laufe der Zeit in die überlieferten Schriften eingeflossen ist, überaus groß ist, hat man sich angewöhnt, die ursprüngliche Lehre Zarathustrismus, die spätere Entwicklung dagegen Zoroastrismus zu nennen.
 
Die Lehre Zarathustras
 
Was nun hatte Zarathustra der Welt zu verkünden? Was war das Neue und Besondere, das die Erinnerung an ihn bis heute lebendig gehalten hat? Der Gott, von dem der Prophet kündet, heißt Ahura Masda, der »Weise Herr«. Von ihm war vorher nichts bekannt. Götter gab es bei den alten Indoariern viele, und durch die indische Literatur, insbesondere den Rigveda, ist ein recht guter Überblick über sie und ihre Funktionen zu erhalten. Und nach allem, was wir der späteren iranischen Überlieferung entnehmen können, waren die Vorstellungen hinsichtlich der Götterwelt bei den alten Persern und Indern nah verwandt. Dieser Vielzahl an Göttern stellt Zarathustra nun deutlich einen einzigen Gott entgegen — Ahura Masda. Er ist, so besagt seine Lehre, seit Urbeginn vorhanden, der Schöpfer des Kosmos und der gerechte Richter am Ende der Zeiten. Für ihn tätig sind eine Reihe von Geistern. An oberster Stelle steht Spenta Mainyu, der »Heilige Geist«. Hierunter dürfen wir allerdings nicht den Heiligen Geist der Christen verstehen, denn bei Zarathustra nimmt er eine Stellung ein, die eher mit Jesus Christus vergleichbar ist. Auch Spenta Mainyu wird das Jüngste Gericht abhalten. Diese Vorstellung eines Letzten Gerichtes, dem alle Menschen unterworfen sind, ist ebenfalls ein bei Zarathustra erstmalig auftretender Gedanke. Nach dem Tode muss die Seele die »Brücke des Auserwählers« überschreiten. In späteren Avestatexten heißt es, dass diese Brücke wie ein Schwert sei. Während der Gerechte bequem über seine Breitseite schreiten könne, werde sie für den Lügenknecht zu einer scharfen Schneide, von der er in die Hölle hinabstürze. Der Gottesgetreue indessen gelangt in das »Haus des Lobgesangs«. Allerdings muss er zunächst noch ein Gottesurteil, und zwar ein Feuerordal, über sich ergehen lassen, bei dem glühend flüssiges Erz auf seine nackte Brust gegossen wird. Obwohl das göttliche Recht hart, unbestechlich und nicht schwankend ist, klingt doch auch durch, dass Ahura Masda Erlösung und Erbarmen für diejenigen bereithält, die treu zu ihm stehen.
 
Der große Gegenspieler des »Heiligen Geistes« ist Aka Mainyu, der »Böse Geist«, der auch als sein Zwilling bezeichnet wird. Diese beiden stehen einander als Extreme gegenüber, und durch den unerbittlichen Kampf zwischen ihnen sind überhaupt erst Leben und Tod entstanden. Der Mensch muss selbst entscheiden, auf wessen Seite er sich stellen will. In dem Kampf wird der »Heilige Geist« unterstützt von Vohu Manah, dem »Guten Sinn«, und Sraoscha, dem »Gehorsam«, der »Böse Geist« dagegen von Druchsch, der »Lüge«, und Aeschma, dem »Mordrausch«, der »Raserei«. Weiterhin treten noch eine ganze Reihe von Aspekten des Guten auf, die teilweise wie Personen betrachtet werden: Ascha Vahischta, das »Göttliche Recht« oder die »Rechte Ordnung«, Chschathra, das »Reich« oder die »Herrschaft«, Armaiti, die »Gemäße Gesinnung«, Haurvatat, die »Gesundheit«, »Heilheit«, und Ameretat, die »Unsterblichkeit«. Sie werden als eine geschlossene Gruppe betrachtet, die Amescha Spentas, die »Heiligen Unsterblichen«.
 
Ganz heftig wird Zarathustra, wenn er sich gegen die Anhänger des Bösen richtet, die Lüge und Trug verbreiten und blutdürstig durch die Lande ziehen. Der Gott, zu dessen Ehren orgiastische Opferfeste stattfanden, war Mithra, in anderen geographischen Räumen auch Mithras genannt. Sein Name bedeutet »Vertrag«, und als Garant eines Vertrages und damit als Hüter des Rechtes tritt er auch in der ältesten Urkunde auf, die seinen Namen nennt. Sie stammt aus dem 14. Jahrhundert v. Chr., und zwar weit aus dem Westen, dem Zentrum Kleinasiens, aus Hattusa, der Hauptstadt des Hethiterreiches. Dies zeigt uns, dass der Gott Mithra bei den indoeuropäischen Völkern eine weit reichende Verehrung genoss. Schon frühzeitig müssen ihm dann weitere Funktionen zugeschrieben worden sein, so zum Beispiel als Gott der Krieger. Das spätere Avesta hat ihm sogar einen eigenen Gesang gewidmet (Yascht 10), in dem er als der »Stärkste der Stärksten« und als »Stärkster der Götter« bezeichnet wird. Er beherrschte den Himmel, und zwar sowohl den nächtlichen, wobei die Sterne seine alles sehenden Augen waren, wie auch den hellen Tageshimmel, sodass er dann sogar zum Sonnengott wurde. Doch gerade seine finsteren Aspekte, die ihn auch für die Unterwelt zuständig sein ließen, erfüllten die Menschen mit Furcht. Auf späten Darstellungen erscheint Mithra immer als Stiertöter.
 
Um diesen Schrecken erregenden Gott scharten sich vor allem junge Männer, denen das mit seinem Kult verbundene zügellose Treiben zusagte, das sie als Gottesdienst deklarieren konnten. Ihr Abzeichen war eine schwarze Fahne mit einem Drachenemblem. Von dem uns heute unbekannten Haoma berauscht, feierten sie nächtliche Orgien und verzehrten das Fleisch blutiger Schlachtopfer. Gegen das Gebaren dieser Wüstlinge und damit gegen ihren Herrn, den Gott Mithra, richtete sich wohl in besonderem Maße der Zorn Zarathustras, obwohl er den Namen dieses Gottes niemals nennt. Doch spricht seine Verurteilung des Rauschtrankes und der blutigen Opfer deutlich dafür.
 
Die historische Person Zarathustra — Wann und wo hat er gelebt?
 
Wer war nun dieser Zarathustra? Wann und wo hat er gelebt? Damit berühren wir eine Frage, die bis heute zu den heftigsten Kontroversen Anlass gibt. Leider erzählt uns der Prophet selbst recht wenig über sich und sein Leben. In seinen Versen spielt das Rind eine große Rolle. Es steht als Sinnbild für die durch Schlachtopfer misshandelte Kreatur, aber auch für die Natur allgemein, die man pfleglich behandeln soll, um dadurch sowohl zu irdischem Reichtum wie auch zu einem wohlwollenden Urteil beim Letzten Gericht zu gelangen. Aus dieser Hervorhebung des Rindes hat man schon frühzeitig geschlossen, dass Zarathustra in einer Umwelt von Viehzüchtern und Nomaden gelebt haben müsse. Auch die wenigen uns überlieferten Namen von Personen seiner nächsten Umgebung sprechen dafür. Der erste Teil des Namens Zarathustra konnte noch nicht eindeutig geklärt werden, doch bedeutet -uschtra »Kamel«. Sein Vater soll Poruschaspa geheißen haben, »der viele Rosse hat«. Mit -aspa »Pferd« zusammengesetzte Namen sind recht häufig, einen solchen trägt auch sein späterer Gönner, der Kavi Wischtaspa, wohl »der mit ungeschirrten Pferden«.
 
Zarathustra berichtet von sich selbst, dass er Priester gewesen sei. Als solcher wird er zunächst im Dienste der alten indoarischen Götter gestanden haben. Wie die spätere zoroastrische Überlieferung zu berichten weiß, soll er dann mit 30 Jahren zum Propheten berufen worden sein. Seine Gesänge lassen erkennen, dass ihm ein Engel erschienen sei und ihn über das Reich Gottes belehrt habe. Diese neue Lehre, die er mit ganzer Kraft fortan verkündete, scheint seiner Umwelt gar nicht gefallen zu haben. Schon diese Tatsache deutet darauf hin, dass sie grundverschieden gewesen sein muss von allem, was man bis dahin gewohnt war. Zarathustra musste schließlich fliehen. Nach abenteuerlicher Flucht mitten im Winter kam der Prophet schließlich in eine Gegend, in der seiner Lehre mehr Erfolg beschieden sein sollte. Dort gelang es ihm, den Kavi Wischtaspa zu bekehren, und von ihm wurde er fortan wirkungsvoll unterstützt. Der Titel Kavi, den sowohl Priester als auch Helden trugen, zeigt, dass sein Mäzen eine einflussreiche Rolle in der Gesellschaft innehatte.
 
Doch wo hatte sich all dieses zugetragen? Die Sprache des Avesta deutet darauf hin, dass der Prophet im Osten Irans gelebt haben muss, denn sie steht zwischen dem Altindischen und dem Altpersischen. Man konnte noch verschiedene Wörter des 11. und 13. Jahrhunderts aus Chorasmien (Charism), der Landschaft östlich des Kaspischen Meeres bis hin nach Baktrien und an den großen Oxusstrom (Amudarja), mit solchen des Avesta vergleichen. In der Tat siedelt auch die zoroastrische Tradition ihren Propheten in jenem Gebiet an. Eine besondere Rolle spielt dabei eine Zypresse, die Zarathustra selbst gepflanzt haben soll, zur Erinnerung daran, dass es ihm gelungen war, den Kavi Wischtaspa zum guten Glauben zu bekehren. Davon weiß noch der Dichter Firdausi zu berichten, der um 1000 n. Chr. das gewaltige iranische Nationalepos, das Schah-Name, das »Buch der Könige«, geschrieben hat. Dieser Baum soll ganz hoch und mächtig gewachsen und dann als »Zypresse von Keschmar« bekannt geworden sein. In der Tat gibt es noch heute ein kleines Dörfchen dieses Namens, allerdings ist dort keine Zypresse zu finden. Von ihrem Verbleib weiß aber das Dabestan, ein Moralkompendium, das im 17. Jahrhundert im Reich der indischen Großmoguln verfasst worden ist, zu berichten: Der arabische Kalif Al-Mutawakkil, der gerade an seiner neuen Residenz in Samarra nördlich von Bagdad gebaut habe, habe befohlen, den riesigen Baum Zarathustras zu fällen und nach Bagdad zu bringen. Vergebens hätten die Zoroastrier 50000 Goldstücke geboten, um die Zypresse zu schonen. Als indessen der Baum nur noch eine Tagereise von Samarra entfernt gewesen sei, hätten seine eigenen Wachen den Kalifen ermordet. Seit dem Pflanzen der Zypresse seien 1450 Jahre vergangen gewesen.
 
Der Kalif Al-Mutawakkil ist im Dezember 861 gestorben. Demnach müsste die Zypresse im Jahre 589 v. Chr. gepflanzt worden sein. Wie weit ist aber einer so späten Quelle zu trauen? Auch die zoroastrische Tradition hat ein Datum überliefert. Sie nennt ein »Jahr Zarathustras«, das »258 Jahre vor Alexander« liege. Der Makedonenkönig Alexander der Große hatte ja in einem atemberaubenden Feldzug das riesige Weltreich der Achämeniden überrannt und ihm damit ein Ende bereitet. Die glanzvolle Hauptstadt Persepolis ging in Flammen auf. Das war im Jahre 330 v. Chr. Rechnen wir von diesem entscheidenden Datum nun 258 Jahre zurück, erhalten wir das Jahr 588 v. Chr., also nur ein Jahr Unterschied zu der Überlieferung des Dabestans! Doch sind keineswegs alle Forscher bereit, dieses Datum zu akzeptieren. Die Argumente dagegen sind unterschiedlich. So meinte man beispielsweise, aus der Bedeutung des avestischen Wortes asman, das sowohl für »Himmel« wie auch für »Stein« gebraucht wird, entnehmen zu können, Zarathustra habe in der Steinzeit gelebt; als Datum wurde das 2. Jahrtausend v. Chr. angesetzt, jedenfalls die Zeit vor 1200 v. Chr., ehe die Arier nach Süden gewandert seien. Für eine derartige Vermutung geben die Texte aber keinerlei Anhaltspunkte. Außerdem befänden wir uns zu dem vorgeschlagenen Zeitpunkt keinesfalls in der Stein-, sondern mitten in der reifen Bronzezeit. Andere Gelehrte versuchen, Anhaltspunkte für einen früheren Ansatz Zarathustras aus der Sprache der Gathas zu gewinnen. Diese zeige eine weit frühere Entwicklungsstufe als das Altpersische, das uns durch die Inschriften der Achämenidenkönige erhalten ist. Beide müssten deshalb durch einige Jahrhunderte voneinander getrennt sein; dadurch kommt man zu einem Ansatz Zarathustras am Beginn des 1. Jahrtausends v. Chr. Dagegen müsste man allerdings berücksichtigen, dass sicher in verschiedenen Gegenden des großen iranischen Reiches die Dialekte eine unterschiedliche Entwicklung genommen haben. Zudem wird man verschiedene Gattungen der Literatur in unterschiedlicher Weise abgefasst haben, also religiöse Gesänge möglicherweise in einer bewusst altertümlichen Form, Königsinschriften hingegen in »modernerer« Sprache.
 
Wie wir im Folgenden sehen werden, sprechen außer der Überlieferung von der Zypresse, die Zarathustra selbst gepflanzt haben soll, und dem Datum der zoroastrischen Tradition weitere Anhaltspunkte dafür, dass Zarathustra am Anfang des 6. Jahrhunderts v. Chr. seine Lehre verkündet hat.
 
Das Weltreich der Achämeniden: Waren ihre frühen Könige Anhänger der Lehre Zarathustras?
 
Der höchste Gott in jener Religion, die von Zarathustra begründet wurde, war Ahura Masda, der Schöpfer von Himmel und Erde. Neben der Betonung dieses einen Gottes ist der wichtigste Aspekt der Lehre Zarathustras der unvereinbare Gegensatz und der daraus sich ergebende ständige Kampf zwischen Wahrheit und Lüge, das heißt zwischen Gut und Böse, Licht und Dunkel.
 
Dass die späteren Achämeniden Zarathustraanhänger waren, legen griechische Quellen nahe, vor allem das, was Herodot für seine eigene Zeit bezeugt. Sehr kontrovers ist dagegen in der bisherigen Forschung die Frage diskutiert worden, ob auch die früheren, die »großen« Achämenidenkönige Zarathustrier waren.
 
Schriftliche Originalquellen erscheinen in der persischen Geschichte erstmals zur Zeit des Königs Dareios I. (522—486 v. Chr.). Nachdem er unter großen Mühen die Herrschaft gewonnen und einigermaßen gefestigt hatte, ließ er seine Taten am Felsen von Bisutun, an der großen Durchgangsstraße von Babylonien zur alten Mederhauptstadt Ekbatana, heute Hamadan, für die Nachwelt festhalten. Ein großes Relief zeigt den König und seine besiegten Gegner, und Inschriften in den drei wichtigsten Sprachen des Weltreichs, Elamisch, Babylonisch und Persisch, geben nähere Auskunft. Damit haben wir erstmals überhaupt eine altpersische Schrift vor uns, denn König Dareios hatte sie eigens zu diesem Zwecke erfinden lassen. Eines wird nun gleich in seiner ersten Inschrift und dann auch in allen weiteren deutlich: Für Dareios gab es nur einen Gott — Ahura Masda. Während dieser Gottesbegriff allerdings in den Gesängen des Zarathustra immer in zwei Wörtern geschrieben wird, die auch einzeln im Text auftreten können, ist er von jetzt an stets zu einem einzigen Wort verschmolzen. Dareios bekennt sich eindeutig zu seinem Gott und hebt hervor, dass er nur ihm sein Leben und auch die Herrschaft zu verdanken hat. Dennoch sind mehrfach Zweifel geäußert worden, ob die Achämeniden überhaupt von Zarathustra gewusst hätten.
 
Weitere Auskunft zu diesem so schwierigen Thema kann man nun an einer Stelle finden, wo dieses niemand erwartet hätte. In den Jahren 1933/34 sind nämlich in Persepolis, der Hauptstadt des persischen Großreichs, etwa 30000 Keilschrifttäfelchen zutage gekommen, davon ungefähr 6000 in recht gutem Erhaltungszustand. Sie stammen zum überwiegenden Teil aus dem Verwaltungsarchiv Dareios'I. Abgefasst sind sie in Elamisch, einer heute noch nicht völlig erschlossenen Sprache. Da die altpersische Schrift ja erst eine neue Erfindung war, hatte sich der König für seine Verwaltung der alteingesessenen Elamer bedient, die schon eine jahrhundertealte Erfahrung in derlei Dingen hatten. Bei den erhaltenen Texten handelt es sich allerdings nur um mehr oder weniger kurze und trockene Verwaltungsvermerke. Doch, im Zusammenhang betrachtet, vermögen sie in vielerlei Hinsicht Auskunft zu geben und Einblick in das tägliche Leben und die religiöse Umwelt der Bewohner des persischen Kernlandes zu gewähren. So verbucht eine Reihe dieser Täfelchen Ausgaben zu Opferzwecken. Aus ihnen erfahren wir, was für Opfer überhaupt von der Verwaltung vorgesehen waren, für wen diese Opfer bestimmt waren, wann sie ausgegeben wurden und wer sie in Empfang nahm.
 
Betrachtet man alle diese Detailangaben, so fällt gleich eines auf: Weitaus am häufigsten begegnet eine Opferart, die als »lan« bezeichnet ist. Dieses ist ein elamisches Wort, das ursprünglich »göttliche Gegenwart« bedeutete, dann aber ganz konkret für »Kultopfer« gebraucht wurde. Doch niemals findet sich eine Angabe, für wen dieses Kultopfer eigentlich bestimmt war. Offensichtlich war das für jeden Bewohner des Perserreiches völlig klar und bedurfte keiner näheren Erläuterung. Mit etwas detektivischem Scharfsinn kann man aber auch heute noch herausfinden, für wen dieses Opfer bestimmt war.
 
So werden nur für dieses Lanopfer von der achämenidischen Verwaltung ganz regelmäßig Zuteilungen ausgegeben, Monat für Monat. In der Regel handelt es sich um 30l Gerste oder Mehl und 10l Wein pro Monat. Das ergäbe einen täglichen Opferbetrag von 1l Mehl und 1/3 l Wein. Teilweise wurde der Wein wohl auch durch Früchte ersetzt. Diese Ausgaben werden des Öfteren als »Rationen« bezeichnet, ganz genauso wie die Rationen der Arbeiter, die sie als Bezahlung erhalten. Einige Male ist in Verbindung mit dem Lanopfer — und nur bei ihm — auch von »Rationen des Königs« die Rede. Der König hatte also ein ganz besonderes Interesse an diesem Opfer und hatte die Zuteilungen dafür höchstpersönlich angeordnet. Für ihn aber gab es, wie aus seinen Inschriften hervorgeht, nur einen einzigen Gott. Somit dürfen wir wohl annehmen, dass kein anderer als Ahura Masda der Empfänger des Lanopfers war.
 
Für diese Annahme findet man dann auch noch weitere Bestätigungen. So ist das Lanopfer die einzige Opferart, die im gesamten Bereich der Persis anzutreffen ist, während es in dem alten elamischen Kulturland um die Hauptstadt Susa herum nur noch in zwei Fällen belegt ist. Einen noch deutlicheren Hinweis geben uns die Titel der Priester. Es treten nämlich Priester auf, die als »Feuerschürer« bezeichnet sind, und diese Priester sind ausschließlich für das Lanopfer zuständig. Die besondere Rolle, die das Feuer im Zoroastrismus spielt, hat ja dazu geführt, dass man die Anhänger dieser Lehre sogar als »Feueranbeter« beschimpft hat. Abgesehen davon, welche Rolle das Feuer im späteren Kult spielt, geht seine Bedeutung schon sehr klar aus den Gesängen Zarathustras hervor. So antwortet er beispielsweise auf die Frage »Wem willst du dienen?« — »Deinem Feuer!« (Yasna 43, Vers 9).
 
Wenn wir hier also Priester antreffen, deren Titel deutlich zu verstehen gibt, dass sie für das Kultfeuer verantwortlich sind, und diese ausschließlich für das Lanopfer zuständig sind, das seinerseits auf besondere Anweisung des Königs regelmäßige Zuteilungen erhält, so schließt sich hier der Argumentationskreis. Das Lanopfer war somit das offizielle Staatsopfer für Ahura Masda, den von Zarathustra verkündeten Gott.
 
»Der große Gott ist Ahura Masda, der größte der Götter«, sagt Dareios
 
Lässt sich auf der einen Seite also klar ein offizielles »Staatsopfer« herausarbeiten, so werden weiterhin doch noch einige Götter ebenfalls mit Opferzuteilungen bedacht. Dies geschieht jedoch nur vereinzelt und ist jeweils nur auf einen engen geographischen Raum beschränkt. Unter diesen Göttern befinden sich der medische Gott Zurvan, der im späteren Avesta als Gott der unendlichen Zeit auftritt, oder der avestische Götterbote Nairyosanha. Am häufigsten ist eine Bezeichnung »Alle Götter« (Visai Baga) zu finden. Nun könnte man zunächst meinen, dass damit in der Tat alle Götter zusammengefasst sind. Doch zeigt die Art ihres Auftretens, wie sie beispielsweise in Aufzählungen gleichberechtigt neben andere Götternamen gestellt werden, dass es sich hierbei um eine bestimmte Gruppe handeln muss. Schon im Indischen gab es eine solche Göttergruppe mit der gleichen Bezeichnung, indisch Vischve Deva. Die altindischen Devas, »Götter«, wurden infolge der Lehre Zarathustras fortan als böse Geister angesehen. Der iranische Gottesbegriff ist stattdessen baga. Somit wäre Visai Baga eine genaue Übersetzung des alten Begriffes. Wen man sich zur Zeit der Achämeniden darunter vorstellte, wird nie gesagt. Ob dieses vielleicht eine Zusammenfassung der »Heiligen Unsterblichen«, der Ahura Masda unterstützenden guten Geister war?
 
In einem einzigen Verwaltungsbezirk der Persis, westlich von Persepolis gelegen, treffen wir auf die Verehrung von Flüssen und Bergen. Dort gibt es auch in der Tat ganz besonders hohe Berge und bedeutende Flüsse, die wohl schon in alten Zeiten eine göttliche Verehrung hervorgerufen haben müssen. Sogar elamische Götter wie Humban und Napirischa oder der babylonische Wettergott Adad erhalten von der achämenidischen Verwaltung Opferzuteilungen. Sie sind aber ganz selten und vorwiegend im Gebiet der Elymais, Richtung Susa, anzutreffen.
 
Keiner dieser Götter bekommt indessen regelmäßige Opfer, und oft handelt es sich um Zuteilungen für besondere Feste, die nur einmal im Jahr stattfanden. Es muss jeweils ein großes Volksfest gewesen sein, auf dem man nach dem feierlichen Teil die Opferkuchen und den Wein gemeinsam verspeiste.
 
Aus all diesem gewinnt man den Eindruck, dass die Verwaltung unter Dareios I. recht tolerant war und sogar fremdländische Götter mit Zuteilungen bedachte. Umso auffälliger ist es, dass Mithra nicht ein einziges Mal in irgendeiner Weise auftritt. Auch wurden keinerlei Tiere für Schlachtopfer ausgegeben. Elamische Priester, für die eines ihrer wichtigsten Opferfeste ein althergebrachtes Schlachtopfer war, konnten nur durch Tauschgeschäfte in den Besitz der begehrten Tiere gelangen. Hier wird also deutlich, dass die religiöse Toleranz Grenzen hatte, und zwar genau in den beiden Punkten, die Zarathustra besonders wichtig gewesen waren, nämlich der Mithrasverehrung und dem Schlachtopferkult.
 
Die Magier — Vertreter der Lehre Zarathustras oder unheimliche Schwarzkünstler?
 
Als die prominentesten Vertreter der zoroastrischen Lehre gelten die Magier. Sie haben Eingang gefunden in die Bibel, indem sie die weite Reise aus dem Osten auf sich nahmen, um dem Christuskind ihre Verehrung darzubringen (Matthäus 2,1—12). Andererseits schwingt in dem Begriff Magier auch immer die Vorstellung von Alchimisten und Zauberern mit. Als solche begegnen sie uns zum Beispiel in der orientalischen Märchensammlung »Tausendundeine Nacht«. Unter den sassanidischen Königen, die im 3. Jahrhundert n. Chr. an die Regierung kamen, hatten die Magier den Höhepunkt ihrer Macht erreicht. Gegen die heftige Konkurrenz von Christentum und Manichäismus gelang es ihnen, den Zoroastrismus zur alles beherrschenden Staatsreligion zu machen; durch ihren Einfluss auf die Herrscher lenkten sie die Staatsgeschicke. Doch wie sah es zur Zeit des Königs Dareios I. aus?
 
Auch auf den Verwaltungstäfelchen begegnen uns die Magier. Dort sind sie zuständig für altiranische Gottheiten. Mehrfach indessen ist noch ein weiterer Titel hinzugefügt, nämlich lanlirira, »Kultopferausführer«, oder atarwachscha, »Feuerschürer«. Die Magier konnten also auch das offizielle Opfer, das Lanopfer, für Ahura Masda vornehmen. Dass man diese Bezeichnungen dem Titel Magier noch hinzufügte, zeigt aber, dass eine solche Aufgabe nicht von Hause aus in den Zuständigkeitsbereich eines Magiers gehörte.
 
In seiner großen Inschrift in Bisutun berichtet Dareios von dem Magier Gaumata, der zeitweilig die Herrschaft an sich gerissen hatte. Dieser hatte auch »heilige Stätten« zerstört, die dann von Dareios wieder hergerichtet wurden. Da ein Magier kaum Stätten seiner eigenen Tätigkeit zerstören würde, spricht diese Tat für einen ursprünglich heftigen Gegensatz in den Glaubensvorstellungen. Der griechische Schriftsteller Herodot überliefert, die Magier seien eine medische Priestersippe gewesen. Dazu passt auch gut, dass sie laut Aussage der Verwaltungstäfelchen für altiranische Götter zuständig waren. Doch außerdem zelebrierten sie, wie wir sahen, zur Zeit des Dareios auch das Lanopfer. Offensichtlich haben sich also die klugen Magier angepasst. Als sie Gefahr liefen, jeglichen Einfluss zu verlieren, akzeptierten sie notgedrungen die vom König bevorzugte neue Glaubensrichtung. Auf diese Weise gelang es ihnen dann, schon recht bald ihre alten Vorstellungen wieder mit einzubringen und die Lehre Zarathustras mehr und mehr zu verfälschen. So kommt es, dass bereits der Achämenidenkönig Artaxerxes II. (405—359 v. Chr.) den von Zarathustra am heftigsten bekämpften Gott Mithra und auch die Göttin Anahita völlig gleichberechtigt neben Ahura Masda stellt.
 
Religion und Herrschaft — Die Wirkung Zarathustras unter der Herrschaft Dareios'I.
 
Nach dem Willen Ahura Masdas bin ich so geartet, dass ich das Recht liebe, das Unrecht hasse. Ich will nicht haben, dass der Schwache des Starken wegen Unrecht leide; aber ich will auch nicht, dass der Starke des Schwachen wegen Unrecht erleide. Was recht ist, daran habe ich Gefallen. Einem lügnerischen Menschen bin ich nicht Freund.« Erinnern diese Worte, die aus der Grabinschrift des Dareios in Naksch-e Rostam stammen, nicht unmittelbar an die Aussagen Zarathustras, an seinen Kampf für das Recht und gegen die Lügenknechte?
 
Doch Dareios hat es offenbar nicht mit Worten bewenden lassen. Dem reichen Material der Verwaltungstäfelchen können wir auch entnehmen, dass der König sich in ganz unerwarteter Weise für die sozialen Belange seiner Untertanen eingesetzt und besonders auch für die Schwachen gesorgt hat. So erhielten beispielsweise stillende Mütter nicht nur Sonderzulagen, sondern auch einen »Mutterschaftsurlaub«. »Halte nicht das für vortrefflich, was der Mächtige tut; was der Schwache leistet, das beachte vielmehr!«, solche Aussagen eines Herrschers um 500 v. Chr. sind revolutionär. Sie fügen sich aber gut ein in das Bild, das wir von der Lehre Zarathustras gewinnen konnten. Der König nahm es also ernst mit dieser Lehre, und sie erscheint hier noch völlig unverfälscht und im Einklang mit dem Propheten Zarathustra.
 
Und noch einmal die Frage: Wann hat Zarathustra gelebt?
 
Wie wir in den vorhergehenden Abschnitten dieser Darstellung gesehen haben, scheint Zarathustras Lehre in vielerlei Hinsicht Auswirkungen auf das religiöse und kulturelle Leben zur Zeit des Königs Dareios I. gehabt zu haben. Und damit müssen wir uns noch einmal der Frage zuwenden, wann denn nun wohl der Prophet Zarathustra seine Lehre verkündet hat. Wie fügen sich die verschiedenen Ansätze historisch in das Bild? Kann man allen Ernstes annehmen, dass Zarathustra im 2. oder auch zu Beginn des 1. Jahrtausends gelebt hat und seine Lehre bereits seit Jahrhunderten in einem fernen Winkel des Weltgeschehens tradiert wurde, ehe sie dann von den Achämenidenkönigen aufgegriffen wurde? Wo hätten wir in der Geschichte eine Religion, die sich über einen so langen Zeitraum völlig unverändert erhalten hätte? Aus historischer Sicht würde dagegen ein Datum, wie es die zoroastrische Tradition überliefert, sehr gut in das Bild passen. Demnach hätte Zarathustra am Ende des 7. und zu Beginn des 6. Jahrhunderts v. Chr. gelebt. Mit der Eroberung des Mederreiches und der Ausdehnung seines Herrschaftsbereiches könnte Kyros II. (559—530 v. Chr.) mit der neuen Glaubenslehre, die im Osten die Gemüter bewegte, in Verbindung gekommen sein. Jedenfalls zeigt es sich, dass die zarathustrische Lehre unter König Dareios I. (522—486 v. Chr.) noch rein und unverfälscht ist. Doch bereits unter seinem Sohn und Nachfolger Xerxes I. (486—465 v. Chr.) setzt eine kultische Verhärtung ein, und ein Jahrhundert später haben sich nicht nur der vom Propheten so heftig befehdete Mithra, sondern auch der zu seinem Kult gehörige Haoma-Rauschtrank wieder eingeschlichen. Fortan waren die Magier eifrig bemüht, diese Verfälschungen — und weitere — in immer neuen Schriften auch theologisch zu rechtfertigen.
 
Prof. Dr. Heidemarie Koch
 
Weiterführende Erläuterungen finden Sie auch unter:
 
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Iran unter den Parthern und Sassaniden
 
 
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Avesta. Die heiligen Bücher der Parsen, übersetzt auf der Grundlage von Chr. Bartholomae's altiranischem Wörterbuch von Fritz Wolff. Straßburg 1910. Nachdruck Berlin 1960.
 
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 Briant, Pierre: Histoire de l'Empire perse. De Cyrus Alexandre. Paris 1996.
 
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The Cambridge history of Iran, herausgegeben von Arthur John ArberryBand 3 in 2 Teilen: The Seleucid, Parthian and Sasanian periods, herausgegeben von Ehsan Yarshater. Cambridge u. a. 1983. Nachdruck Cambridge u. a. 1993.
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Zwischen Persepolis und Firuzabad. Gräber, Paläste und Felsreliefs im alten Persien, bearbeitet von Leo Trümpelmann. Herausgegeben von Manijeh Abka'i-Khavariund Dietrich Berndt. Neuausgabe Mainz 1992.

Universal-Lexikon. 2012.

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